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Fußball als Sport
Obwohl das Spiel eher langsam (im Vergleich zu z.B. Eishockey) und torarm (im Vergleich zu z.B. Handball) ist, können doch Sekunden über Sieg und Niederlage entscheiden. Wer erinnert sich nicht an das Finale der Champions League 1999 zwischen Bayern München und Manchester United? Von der 6. Minute an führte Bayern München mit 1:0 – bis zur 90. Minute. Manchester United schaffte 2 Tore in den zwei Minuten der Nachspielzeit und fügte Bayern München sicherlich die bitterste Niederlage der Vereinsgeschichte zu.
Da das Spiel ohne weitere Hilfsmittel und mit einfachen Regeln funktioniert (im Vergleich zu z.B. Football) sitzen am Wochenende Zehntausende von Co-Trainern auf den Rängen. Und gegen den Ball kann doch auch jeder treten?
Ein weiterer Reiz ist im Fußball die Möglichkeit, dass die sogenannten ‚Kleinen‘ die sogenannten ‚Großen‘ besiegen können. Der DFB-Pokal bezieht seine hauptsächliche Attraktivität aus dieser Tatsache.
Das wichtigste im Fußball sind aber die Fans! Sie bringen Atmosphäre ins Stadion, feuern ihre Mannschaft an, leben für ihren Verein und repräsentieren mit Schals, Shirts und Mützen Verein und Region. Wie armselig wirkt ein Spiel auf der Mattscheibe im Vergleich zum Live-Erlebnis im Stadion.
Fußball als Geldquelle
Allerdings wird das Ursprüngliche dieser wunderbaren Mannschaftssportart durch die zunehmende Kommerzialisierung zerstört. In einer Zeit, in der mit wenigen Business-Seats ein Großteil der Zuschauereinnahmen erzielt werden, aber die Zuschauereinnahmen nur einen kleinen Teil des Etats einer Profimannschaft ausmachen, sind TV-Gelder der Motor des Sports. Mit fatalen Folgen!
Es gibt eine UEFA-Richtlinie, die besagt, dass die Fans sitzen müssen! Man will keine Fans, die aktiv am Spiel teilhaben, man will die Art von Zuschauer, die man in einem Kino oder einem Theater antrifft. In der ‚Arena auf Schalke‘ dürfen Gäste keine Fahnen, Transparente oder Banner mitbringen. In verschiedenen Stadien sind die Gästeblöcke mit Plexiglas abgetrennt. In immer mehr Stadien wird versucht Stimmung durch Fangesänge durch Lautsprecherbeschallung in ohrenbetäubender Lautstärke zu ersetzen. Zu internationalen Ereignissen kann man Tickets nur über Reisebüros kaufen.
Um nicht missverstanden zu werden: betrunkene und rumpöbelnde Schläger sind keine Fans und haben in Stadien nichts zu suchen. Es geht um das Wirken der Fans, die ihre Mannschaft fair unterstützen – mit Gesängen, Transparenten und Choreographien. Denn nur durch diese Fans wird der Fußball zum Ereignis, zum “Kick” für Millionen und erregt Interesse bei Wirtschaft, Sponsoren und TV-Sendern.

Fußball als Medienereignis
Uli Hoeness beschrieb es treffend in der Talksendung ‘Doppelpass’: Mädchen stehen am Mannschaftsbus, kreischend, warten auf Mehmet Scholl oder Christian Ziege. Das Freundschaftsspiel später würdigen sie keines Blickes.

SAT 1 stellte seine Bundesligaberichterstattung auf dieses Bedürfnis nach Personenkult ein (Nahaufnahmen unbeteiligter Spieler, Zeitlupen, Tribünen- und Trainerbankstudien). Fußball wird als Medienereignis perfekt zur Entfaltung gebracht mit der Showstrategie vom “RAN”.

Bis heute hat die FIFA sehr konsequent nur dort Veränderungen zugelassen, wo sie dem Spiel selbst gedient haben. Die UEFA hat hier eine etwas andere Tendenz. Kompromisse mit dem Geschäft Show-Fussball ist man hier weitaus positiver gesonnen. Die seriöse Substanz des Fußballes ist aber auch eine Voraussetzung für den Pop-Star-Bonus des Spielers. Denn auch wenn bestimmte Spieler Stars sind, die Performance auf dem Platz und ihre Einordnung in einen seriösen sportlichen Kontext war hierfür meist unbedingt erforderlich.

Zerstört man die Substanz Fußball, ist das Showgeschäft auch bald vorbei. Eishockey in Deutschland sollte ein warnendes Beispiel sein. Zwar ist das Eishockey in Deutschland noch nicht völlig ruiniert, doch stand es vor ein paar Jahren vor einem ähnlichen Boom wie der Fußball. Kühnhackl, Kiessling und Hegen waren jedem Sportfan ein Begriff wie Rosi Mittermeier oder Pierre Littbarski. Heute ist DEL-Eishockey eine bessere Zirkusnummer, die Vereine, die Wettbewerbe, haben ihre Identität weggeworfen. Der Name irgendeines Eishockeyspielers? Wie heißt noch gleich der Club aus Rosenheim? Wo spielen die Müncher Barons? Warnung genug?

Fußball als finanzielles Risiko
Es ist erst wenige Jahre her, da schlug der damalige Ligaausschussvorsitzende Meyer-Vorfelder erstmals vor, den Bundesligamodus zu ändern. Damals, in einer Phase der Bundesligalangeweile wurde der Vorschlag trotzdem verworfen. Doch heute findet das wirtschaftliche Denken schon weit fortgeschrittene Denkpfade. Wegen des immer höher werdenden wirtschaftlichen Risikos für die Vereine, ist eine Abkehr des Auf- und Abstiegsmodus in einigen Funktionärsköpfen wieder denkbar.

Der Kunde der Fernsehform ‘Privatfernsehen’ ist gar nicht der Zuschauer, sondern die Werbung selbst bzw. die Kunden, die Sendezeit für ihre Werbung einkaufen. Und das Fernsehprogramm ist nur das Vehikel, das die Werbung zum Zuschauer transportiert. Die Zahl der Werbekontakte ist das Ziel, möglichst in spezifischen Zielgruppen. Die Werbung soll zum Zuschauer gebracht werden, nicht der Zuschauer informiert oder unterhalten. Er muss nur das Gefühl haben, er wird informiert oder unterhalten. Visuelle Reize müssen ihn beim Zapping zum Innehalten bewegen, langsame Kameraschwenks, große Perspektiven sind da momentan eher tödlich. Bald werden bei Fussballübertragungen sicher noch andere Bildeffekte hinzukommen.

Derzeit steuert der Fußball in Europa auf eine radikale gesellschaftliche Wandlung zu: Reichen-Fussball. Derart hohe Einnahmen und Steigerungen wie gegenwärtig lassen sich nur ermöglichen, wenn Hochpreis-Produkte beworben werden können, wenn Exklusiv-Fernsehfussball an zahlungskräftige Zuschauer geliefert werden kann, wenn teure Plätze in Stadien verkauft werden können und wenn sich die darauf Sitzenden sicher fühlen. So entstehen Stadien wie in England, ausschließlich mit Sitzplätzen, und eine Situation wie die englischen Fernsehverträge inklusive Manchester United’s eigener Kanal.
Der deutsche Fußball hat sich fast ausschließlich Kirchs Mediengruppe unterworfen. So ist es auch zu erklären, warum die Fußballvereine bei der drohenden Pleite von Kirch seinem Konzern helfen wollen.
Doch hat jedes Land seine eigene Kultur und Struktur. Entwicklungen wie in England würden vermutlich in Deutschland derzeit als weniger positiv empfunden. Trotz aller Gier nach dem schnellen Euro gibt es auch anders und/oder langfristig denkende Kräfte im Fußball, und welche die glauben, dass alle Gruppen eingeschlossen bleiben müssen, das die ‘alte’ Fanstruktur nicht einfach weggeworfen werden sollte.
Auch in den USA ist die kommerzielle Entwicklung teilweise gestoppt: NFL-Football wird bis ins nächste Jahrtausend im werbefinanzierten frei zugänglichen Fernsehen für alle live übertragen und der Umzug der Cleveland Browns (ein mit Schalke 04 vergleichbarer Klub) durch seinen Besitzer, der Streit mit der Stadt Cleveland hatte, nach Baltimore verursachte einen immerhin so ausreichend großen Skandal, daß der Besitzer den Namen des Klubs an Cleveland abtrat und die NFL unter drohender Klage und gar Gesetzesänderung eine Rückkehr des Namens Cleveland Browns mit Standort Cleveland für 1999 in einem Vertrag garantierte. Nach einer Kartellrechtsentscheidung Anfang der 80er hatte es die NFL es nicht mehr gewagt, gegen einen Umzug eines Teams ihr Veto einzulegen.
Fußball als Sport mit Fans
Es ist allerdings wichtig, dass sich jetzt möglichst viele Fans aktiv für den Erhalt des Spiels einsetzen. Es gibt Fangruppen, wie “Pro15:30″, “Bündnis aktiver Fußballfans” und “Kein Kick ohne Fans”, deren Engagement als unterstützenswert gelten müssen. Stellvertretend hier die Forderungen von Pro15:30, die die wichtigsten Punkte für ein schöneres Leben als Fan ansprechen:
- Festlegung aller Spieltage mit genauen Anstoßzeiten zu Beginn jeder Halbserie.
- Bei Spielen, die nicht an Samstagen stattfinden, sollte die Entfernung zwischen den Spielorten nicht mehr als 300 km betragen.
- Einschränkung der zuschauerunfreundlichen Ausdehnung des 2. Ligaspieltages von Freitag bis Montag durch die Verlegung des Livespiels von Montag auf Freitag.
- Ausreichend Stehplätze für Heim- und Gästefans in allen Stadien.
- Meinungsfreiheit und Freiräume zur kreativen Entfaltung der Fans im Stadion (Choreographien, Spruchbänder, Schwenkfahnen, Plätze für Zaunfahnen).
Wir brauchen keine Unterhaltungsshows, die jegliche Fangesänge übertönen und den Fan zum bloßen Konsumenten degradieren.
Dieser Artikel trifft das Problem in Ansätzen. Er nennt Teile die das Problem der steigenden Kommerzielaisierung des Fußballs ausmachen.
Das größte Problem ist aber möglicherweise der Fan selbst. Die Stadien sind voll, die Kneipen sind voll. Pay-TV Anbieter verdienen gewaltig.
Stadionumbenennungen werden hingenommen,ein paar Pfiffe bei der Einweihung neuer Stadiennamen das wars. Nichts tut sich.
Trotzdem ist der Fan nicht machtlos, braucht aber einen langen Atem. Diese kommerzielle Schlinge fängt erst an sich zu lösen, wenn die bestimmenden Herren erkennen, dass der Fußball in einer durchkommerzielaisierten Form abgelehnt wird. Diese Zeichen kann man nicht mit Demos oder Plakaten setzen, die werden allenfalls belächelt.
Vorgehen gegen den Kommerz kann man nur, indem man den Gang ins Stadion verweigert oder die Fernsehstrategien ablehnt. Das scheint mir aber schier unmöglich. Ich glaube, dass nur wenige Leute bereit sind einmal drei Wochen nicht ins Stadion zu gehen. Drei Wochen nur halbvolle Stadien könnten ein Umdenken bewirken.
Ob und wie sowas umgesetzt werden kann weiß ich nicht. Ich hoffe, dass die Umwandlung von Sitz in Stehplätzen ,die ich persönlich früher oder später auch in Deutschland erwarte, Boykottwellen auslösen wird. Der Schlüssel gegen den kommerz ist ein Boykott, möglichst lange und das nicht nur einzeln sondern im Kollektiv. Aber selbst in England, wo man sich die Kartenpreise und den Wirtschaftsfanatismus anschauen möge, schluckt der Fan alles was ihn vor die Nase gesetzt wird.
Schon beim Ausrollen der Sondermaschine auf dem Airport von Brasilia hält Mannschaftskapitän Cafù den Siegerpokal aus dem Pilotenfenster - den wartenden Massen entgegen - Ronaldo schwenkt die Nationalfahne. Triumphzug bis zum Präsidentenpalast - Bahias Trommlerformation "Olodum", die bereits vorm Berliner Reichstag aufspielte, wiederholt den Patriotismus-Hit "Ich bin Brasilianer - voller Stolz und Liebe" zum x-ten Male, aus der Hand von Staatschef Cardoso, FU-Berlin-Ehrendoktor, der vaterländische Verdienstorden für alle. Die Fußball-Millionäre lassen sich bereitwillig vor den Karren der Mitte-Rechts-Regierung spannen, alle Details, "Spontan"-Spielereien, darunter Purzelbäume auf der Palastrampe vor Cardoso, so sickerte durch, waren von dessen Propagandaabteilung und den PR-Experten des Bierkonzerns Ambev vorher abgesprochen, eingeübt worden - Ronaldo wurde wie eine Marionette zu den im Spektakel jeweils vorgesehenen Stellen gezerrt. Das Team kopiert getreulich den anwesenden Pelè - nach dem WM-Sieg 1970 stürzt er in Brasilien begeistert auf den berüchtigten Foltergeneral und "Präsidenten" Emilio Medici zu, fällt ihm um den Hals, umarmt ihn heftig. Zu dieser Zeit werden Regimegegner über Amazonien lebendig aus Flugzeugen gestoßen, bei Rio de Janeiro Haien zum Fraß vorgeworfen, in pharaonische Bauprojekte eingemauert - doch Pelè erklärt wider besseres Wissen sogar im Ausland:"Es gibt keine Diktatur in Brasilien - wir sind ein freies Volk!" Und macht Diktatur-Regierungspropaganda, hält enge Kontakte auch zur Militärregierung des deutschstämmigen Generals Ernesto Geisel. Diktaturaktivisten von damals sind in der jetzigen Mitte-Rechts-Regierung und deren tragenden Parteien überreichlich vertreten - gefoltert, gemordet wird mehr als zur Diktaturzeit - wie damals bei Multimillionär Pelè auch für die jetzige Mannschaft alles kein Thema. Von Marketing versteht sie aber so viel wie er: Eigentlich sollte das Team vom Brasilia-Airport wie bei vorherigen WM-Siegen auf einer deutschen Feuerwehr-Lafette - fünfzehn Tage lang akribisch dafür vorbereitet - durch die Stadt fahren - entschied sich jedoch handstreichartig anders, stieg auf den Werbetruck des Bierkonzerns Ambev, posierte mit Bierfahnen, Bier-und Brausebüchsen, mit der Bier-Popsängerin Ivete Sangalo - für Ambev ein Super-Coup. Die Feuerwehr-Einheiten natürlich stockwütend.

Dann nach Rio, von der Luftwaffe eskortiert, im Tiefflug über die Copacabana, den Zuckerhut - Landung, Triumphzug, Karneval. In Rio heißt das seit Jahren auch Massenschlägereien, Massenüberfälle, Gewaltausbrüche, Slumbewohner mit Knüppeln und Steinen in der Hand - nicht anders wars während der Fahrt vom Airport zu den touristischen Strandvierteln. Als die Mannschaft 1.45 Uhr angeblich aus Müdigkeit entschied, nicht mehr die zwei Kilometer bis zu den wartenden Massen der Copacabana zu fahren, stattdessen zum Airport umzukehren, packte das Volk sofort die Wut. Auf den Bus mit dem Team hagelten Flaschen, Steine, Bierbüchsen, Fans schlugen aufgebracht gegen die Karosserie, skandierten obszöne Schimpfwörter. Neun Scheiben gingen zu Bruch, Blutspuren an Fenstern - Ronaldo, Rivaldo & Co. warfen sich im Bus auf den Boden. Nur weil die Militärpolizei dazwischenging, kam das Fahrzeug los. Rios auflagenstärkste Tageszeitung "O Dia" kam mit der fetten Schlagzeile :"Nach dem Fest - der Terror".

Nur neun Spieler flogen noch zum Fest-Empfang nach Sao Paulo - doch im riesigen Karnevals-Sambodrome warteten im Morgengrauen nur nur noch an die zweitausend Menschen, blieben überwiegend kühl.

Dennoch - auf den Straßen Rest-Brasiliens fast nur lachende Gesichter, tiefe Zufriedenheit allerorten - die 170 Millionen Brasilianer, sogar Indianer am Amazonas, waren nach dem Endspiel mehr aufgedreht als beim Carnaval - hatten zu ihren Göttern für den Sieg gebetet.

"Sieg der Rasse - bestes Land der Welt"- "Schimpanze, Pitbull Kahn"

Die meisten Brasilianer zeigten während der WM erstaunlichen Optimismus, "Pentacampeao" zu werden, haben Recht behalten. Und suhlen sich jetzt in Patriotismus und gesteigertem Selbstwertgefühl, nationalem Selbstbewußtsein wie selten. "Wir sind die Größten, unser Volk ist weltweit die Nummer Eins" - und auch das - "Sieg der Rasse" - es gibt fast nichts, was die Medien jetzt im Überschwang politisch unkorrekt herausposaunen. Spieler Roberto Carlos:"Brasilien war schon immer das beste Land der Welt - wird es auch bleiben!"
Die Deutschen, "diese kühlen, so merkwürdig eckig laufenden, eckig tanzenden und Fußball spielenden Sauerkraut-und Eisbeinesser", ihre Mannschaft, kriegen reichlich Spott ab: Die Mauer von Berlin, wie man die deutsche Mannschaft und besonders den Torwart betitelte, Dschingis Kahn, wie man Oliver Kahn hier nannte, oder den deutschen Pitbull - waren also bezwingbar - haben unser Team nicht müde gemacht - und das ist der absolute Wahnsinn. "Ein Kahn, der bellt, beißt nicht!" Daß dieser "weiße Schimpanze - Robocop nach der Grippe", so eine große Qualitätszeitung Sao Paulos, auch noch von der FIFA zum besten WM-Spieler gekürt wurde, finden die Medien "incrivel", unglaublich. Torhüter Marcos:"Lächerlich, absurd - Kahn war so gut wie ich oder der Torwart von Senegal!"
Talent habe über kalte deutsche Effizienz gesiegt, über deutschen Sauerkrautfußball, steht in Kommentaren, Spielanalysen. Dazu die üblichen Kriegsmetaphern - "Blitzkrieger der Panzerdivision Völler".
Selbst in der Klopapier-und Joghurtwerbung werden die Germanicos, Teutonicos veräppelt, verspottet - als die Befehler, die Autoritären, die Engen, Unagilen, die Bürokratischen - die jetzt dumm aus der Wäsche gucken.
Klischees jeder Art leben auf: Deutsche, die mit den Lederhosen und Bayernhüten, mampfen deutsches Frühstück - also schon frühmorgens fette Würste und Bier. Die Medienfotos - immer auf das Schlimme - immer wieder dieses eine schreckliche Bild, wo Oliver Kahn nach dem 1 : 0 wie KO-geschlagen am Boden liegt - und Ronaldo leichtfüßig und lachend davonsprintet.
Vornamen Beckenbauer und Rummenigge - Fußball gar nicht so populär
Man muß dies alles nicht überbewerten - viele Brasilianer behalten ihren Riesenrespekt vor der deutschen Mannschaft, dem deutschen Fußball. Gar nicht so wenige heißen schließlich mit amtlichem Vornamen Rummenigge und Beckenbauer, so stehts im Ausweis, andere sind eingeschworene Fans deutscher Vereine. Beckenbauer veröffentlicht hier andauernd Fußballkommentare, ist populär.
Doch Klischees sitzen auch in deutschen Köpfen: Anders, als viele denken, ist nur eine Minderheit der Brasilianer beim Karneval wirklich aktiv - und auch Fußball ist nur eingeschränkt populär. Gerade 26 Prozent der brasilianischen Jungens, der männlichen Jugendlichen, der Männer haben in den letzten zwölf Monaten mal gegen einen Ball getreten. Nähme man Mädchen, Frauen mit hinzu, wärens nur 15 Prozent, ergab eine repräsentative Umfrage. Brasilien kann man schwerlich eine Sportnation nennen.
Brasiliens Deutschland-Korrespondenten meldeten verdutzt, daß unglaublich viele Deutsche offenbar glücklich gewesen seien, gegen den Fußballgiganten Brasilien verloren zu haben, glücklich mit dem zweiten Platz, viele gar mit den Brasilianern mitgefeiert hätten. Hier wurde gradeheraus beschrieben , was passiert wäre, wenn ihr Team n i c h t gewonnen hätte: Grabesstimmung, Staatstrauer, keinerlei Feiern auf den Straßen und Avenidas, nur totaler Frust von Nord bis Süd, sauer werdende Bierbestände, eine nationale Tragödie, tiefe Wunde im kollektiven Selbstwertgefühl. Die von der WM 1950, als Brasilien überraschend gegen Uruguay verlor, diese Wunde sei eigentlich nie richtig verheilt, sagen hier Soziologen.
Jetzt hoffen natürlich die politischen Führer, vom WM-Sieg im zunehmend heißeren Präsidentschaftswahlkampf zu profitieren - TV-Fußballreporter brachten permanent die politische, patriotische Komponente mit ins Spiel: Ronaldo, Ronaldinho, Rivaldo, Cafù und all die anderen werden mit ihrer Energie, ihrer Art, ihrem Stil mit der Nation identifiziert, verkörpern Brasilien - und deshalb der Aufruf ans Volk - seid Patrioten, strengt euch an wie unser Team, bringt das Land nach vorne.
"Weltmeister" in Sozialproblemen
Auffällig indessen, wie viele Kolumnisten, Leserbriefschreiber jetzt davor warnen, nicht größenwahnsinnig zu werden, sich Illusionen hinzugeben, Probleme zu verdrängen. Wirtschaft im Schleudern, Börse und Währung stürzen ab, dazu Misere, Hunger, Slums, Korruption - der unerklärte Bürgerkrieg mit über vierzigtausend Gewalttoten pro Jahr, Massenarbeitslosigkeit. "Darin sind wir nämlich auch Weltmeister - das ist jetzt alles nicht auf einmal wie weggeblasen!" Wir sollten uns den echten Herausforderungen stellen, heißt es - von den Politikern soviel fordern wie vom Nationaltrainer Scolari, der Mannschaft - Druck machen, raus aus der Passivität, der politischen Apathie. Soziologiestudenten der Uni von Rio nennen den Fußball in einer Umfrage "Opium fürs Volk", bewerteten das WM-Spektakel als ""Pao e Circo", Brot und Spiele.
Wer an Brasiliens Großstadtperipherien lebt, zeigte ohnehin nur bedingt Endspiel-und Siegeseuphorie: Allein am letzten WM-Sonntag wurden in den Slums von Sao Paulo weit über zwanzig Menschen erschossen, schwirrten reichlich verirrte Kugeln - eine tötete die dreijährige Luana auf dem Schoß ihrer Mutter, in Rio de Janeiro traf es den vierjährigen Vitor Hugo de Souza beim Spielen. Im berüchtigten Slum-Konglomerat "Complexo do Alemao"(Komplex des Deutschen) waren die neofeudalen Banditenmilizen wenigstens so gnädig, für den Endspiel-Sonntag ausnahmsweise die seit Wochen geltende Ausgangssperre aufzuheben, den Bewohnern dezente Siegesfeiern zu erlauben. Denn üblicherweise darf ab achtzehn Uhr niemand mehr die Hütte oder Kate verlassen. Die schwarze, bei Drittweltbewegten Deutschlands hochangesehene linkspopulistische Gouverneurin Benedita da Silva von der Arbeiterpartei PT akzeptiert derartige Zustände auch in vielen anderen Elendsvierteln des Teilstaates Rio de Janeiro. Nur bedingt taktisch klug schmiedete die größte brasilianische Oppositionspartei PT von Präsidentschaftskandidat Luis Inacio "Lula" da Silva während der WM ein Wahlbündnis ausgerechnet mit der Rechts-und Sektenpartei PL, die in mehreren Teilstaaten berüchtigte rechte Politiker unterstützt, benannte gar einen PL-Milliardär als Lula-Vize. So, als würde etwa die PDS - Gysi kennt Lula persönlich - mit der CSU, der DVU koalieren.


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