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Projekt Nichtraucher
Meine Lunge gehört mir!
Raucher sind an allem schuld. Deshalb ist es höchste Zeit, mit dem Unsinn aufzuhören und die Lunge zu säubern. Am Ende soll es heißen: Ich bin Nichtraucher!
Wir Raucher haben nicht den besten Ruf: Wir verpesten die Luft, wir verprügeln Menschen in U-Bahn-Stationen, wir ruinieren das Gesundheitssystem. Wir sind die Bösewichter in Hollywood-Filmen, wir finanzieren Kinderarbeit auf Tabakplantagen, wir husten im Kino. Glaubt man militanten Zigaretten-Gegnern, sind wir quasi an allem schuld: an der stickigen Luft in der Fußballkneipe, am Smog über Peking, am Klimawandel.
Und natürlich zerstören wir uns selbst. Die gesundheitlichen Schäden sind nicht mehr von der Hand zu weisen und Sprüche wie "geräuchertes Fleisch hält sich länger" sind peinlicher als Musiksendungen mit Florian Silbereisen. Raucher sind out. Basta! Vorbei die Zeiten, als es cool war, lässig wie Lucky Luke an einer Wand zu lehnen und wie ein einsamer Wolf mit Kippe im Mund Frauen anzusprechen. Das ist vorbei. Frauen halten es heutzutage mit Grace Kelly und sagen: "Wer küsst schon gerne einen Aschenbecher?"
Meine Lunge ist schwarz. Tiefschwarz. Das muss so sein, schließlich rauche ich seit zehn Jahren. Mit Unterbrechungen freilich, habe ich doch schon 367 Mal versucht aufzuhören. Einmal habe ich ganze sieben Monate keine Zigarette angerührt, um dann wieder zur täglichen Ration von einer Schachtel pro Tag zurückzukehren.
Aber: Warum hat es bisher nicht funktioniert, wenn ich aufhören wollte? War ich charakterschwach? Haben mich meine Freunde verleitet? War es der Stress in der Arbeit? Ausreden gibt es genug.
Das ist nun vorbei. Meine Leistungen beim Fußball und Tennis sind unterragend, mein Geldbeutel ist aufgrund der 1500 Euro, die ich im Jahr 2007 für den Qualm ausgegeben habe, so leer wie die Tribünen bei den Spice-Girls-Konzerten in Nordamerika. Es ist Zeit, endlich zu handeln und das Rauchen aufzugeben. Für immer.
Anders als beim Abnehmen bin ich diesmal nicht allein, ich habe mir Verstärkung besorgt. Zwei Kollegen sind dabei, um das Projekt "Saubere Lunge" zu starten. Der eine ist unser Homepage-Chef Lars Langenau, ein kettenqualmender Stressraucher - der einzige Mensch, der eine komplette Zigarette in einem Zug beenden kann. Der andere ist Produktmanager Ralf Scherer, ein selbstdrehender Hibbel mit Hang zu Panikattacken, wenn er keine Kippen bekommt.
Wir haben uns in den Kopf gesetzt, das Nichtrauchergesetz auf unser komplettes Leben anzuwenden und nie wieder zu rauchen. Wir werden alles versuchen: Nichtraucher-Pads für den Oberarm, Anti-Stress-Kaugummis, Hypnose. Und noch ein paar Dinge, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt. Natürlich wollen wir versuchen, dabei kein Gramm zuzunehmen und unsere sportlichen Leistungen zu verbessern - weg vom Knut-Image hin zum gesunden und vitalen Menschen.
Jede Woche werden wir darüber berichten, wie es voran geht, welche Krisen wir haben, welche Erfolge wir feiern - und wie wir uns gegenseitig das Leben schwer machen. Am Ende steht die große Wette: Wer zuerst wieder raucht, wird bestraft. Er muss waschen, putzen und polieren - und zwar die Autos der anderen beiden, die durchhalten.
Mein erstes Projekt wird ein Urlaub im Süden sein. Ich fahre nach Sri Lanka. Entspannt, ohne Sorgen, ohne Stress. Da sollte man es doch eine Woche ohne Zigaretten aushalten. Ralf versucht es mit Willenskraft, Lars mit einem Skikurs bei einem Privatlehrer. Hauptsache Ablenkung vom blauen Dunst.
Es geht los. Meine Lunge gehört mir - und sie wird sauber.
Projekt Nichtraucher
Ich! Bin! Ruhig!
Wer denkt, dass es im Urlaub einfacher sei, dem Rauchen für immer zu entsagen, der irrt sich gewaltig. Denn nur in den Ferien warten die wirklich harten Prüfungen.
Das Wort Urlaub bedeutete im 19. Jahrhundert "zeitweilige Freistellung vom Dienst". Es beschrieb ganz speziell den Soldaten, der für ein paar Tage aus der Kaserne verschwand und nur das tat, was er wollte - Freiheit pur. Im 21. Jahrhundert weiß man: Der Soldat von damals kann unmöglich verheiratet gewesen sein und war wohl niemals im All-Inclusive-Urlaub auf Sri Lanka. Und bestimmt hat er nicht versucht, sich während dieser Zeit das Rauchen abzugewöhnen. Der Glückliche.
Der brave Büro-Soldat von heute nimmt die gesammelten Wochenend-Frondienst-Freitage, schlachtet sein armes Sparschwein und fliegt in den Urlaub. Ein paar Tage relaxen, die große Zehe in den Indischen Ozean tauchen und nebenbei am Cocktail schlürfen. Kein Fernseher, kein Handy, kein Computer. In dieser Umgebung sollte sogar Edmund Stoiber entspannen können. Oder Werner Lorant. Oder das HB-Männchen.
Apropos HB-Männchen: So ein Urlaub ist doch genau der richtige Zeitpunkt, um mit dem Rauchen aufzuhören - denkt man. Aber eigentlich sind Ferien die einzige Umgebung außer dem Kino, wo noch für das Rauchen geworben werden darf. Es ist keine explizite Werbung, sondern Product Placement der hundsgemeinen Sorte. Es ist ein schleichender Prozess - und am Ende warten die schlimmsten Prüfungen auf den Abstinenzler.
Wenigstens einige freuen sich
Als Rauchfrei-Neuling fühlt man sich besonders heroisch und überlegen, weil man nun stark ist - obwohl es eigentlich keine Heldentat ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Dennoch hält es der Drei-Tage-Abstinenzler mit der Bibel und fühlt sich wie ein umgekehrter Sünder: "Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren." Nur dass sich bei der Rauchentwöhnung nicht der ganze Himmel freut, sondern höchstens ein paar Mitmenschen.
Es beginnt am Flughafen: Ich blicke mitleidig auf die Süchtigen, die sich wie eine Kreuzung aus Lemming und Sardine in diese Raucherboxen zwängen, eine Zigarette einsaugen und um die Wette husten. Tut das gut, wenn man dann noch gesagt bekommt: "Du riechst so gut - und deine Haut sieht fünf Jahre jünger aus!" Ich ignoriere fast die Werbeplakate im Duty-Free-Shop, die eine Stange Marlboro Lights für 25 Euro anpreisen. "Naja, ich könnte doch, so eine auf Vorrat, man weiß ja nie …" Meine Frau sieht mich an, als hätte ich ihr gerade gesagt, dass sie zugenommen hat, ihre Frisur schrecklich ist und sie nie mehr Schuhe kaufen darf. Wir gehen am Shop vorbei, ohne etwas mitzunehmen.

Der erste Abend im Hotel wird zu einem Live-Werbefilm für die Zigarettenindustrie. Die Gäste stellen nach dem Abendessen so ziemlich jede Situation nach, wegen denen mir das Rauchen tatsächlich und entgegen aller Vernunft Spaß gemacht hat. Ein Gast raucht eine Zigarette nach dem Essen. Ein Pärchen raucht, nachdem es, nunja, von einem romantischen Abenteuer am Strand zurückkehrt. Ein russischer Besucher steckt sich beim Pokern eine Kippe in den Mund und sieht seine Gegner an wie Cincinnati Kid einst Nemesis Lancey Howard vor dem entscheidenden Duell. Jetzt hätte ich auch gern eine. Aber ich bleibe tapfer.


Ich bin gestresst!
Der nächste Tag ist HB-Männchen-Tag. Ich bin tierisch gestresst. Am Morgen habe ich gegen einen russischen Ivan-Drago-Verschnitt - ich glaube sogar, es war Dolph Lundgren - beim Volleyball verloren. Seine Siegeszigarette hätte ich ihm am liebsten auf dem Kopf ausgedrückt. Danach habe ich beim Ausflug die srilankische Zeitmessung kennengelernt. "Gleich" bedeutet "in frühestens einer Stunde", und "eine Stunde zu Fuß" ist ein Tagesmarsch. Normalerweise hätte ich nun drei bis 17 Zigaretten gebraucht, um nicht durchzudrehen. Doch auch wenn ich kurz vor einer Halsschlagaderzerrung stehe: Ich bleibe rauchfrei. Wie? Komplimente von meiner Frau, der Gedanke an zwei dreckige Autos, die ich putzen müsste und mein kranker Ehrgeiz, nicht verlieren zu können.

Die härsteste Prüfung wartet jedoch am letzten Abend. Da sitzen die Einheimischen am Strand herum, rauchen eine Friedenspfeife und laden uns ein. Was soll ich sagen? Ich bin weiter rauchfrei. Ich habe lieber den Russen beim Tennis besiegt und mich ganz ohne Worte mit dem Taxifahrer über die Fahrt zum Flughafen geeinigt: Ich hatte 3.30 Uhr mit ihm vereinbart, bin aber erst um vier Uhr erschienen - und war genau dreißig Sekunden vor ihm da. Man muss nur auf seine Mitmenschen eingehen.
Wo wir gerade von Mitmenschen sprechen. Vielleicht fragen Sie sich, wie es den beiden Mitstreitern Ralf und Lars ergangen sein mag. Ich möchte nur soviel verraten: Lars steht wahrscheinlich gerade in einer Raucherbox am Flughafen - und Ralf versucht davor, eine Zigarette zu schnorren. Über die beiden wird im Himmel keine Freude herrschen - zumindest nicht beim Thema Rauchen.
Projekt Nichtraucher
Es stinkt!
Ein Nichtraucher-Neuling in einer Nichtraucher-Kneipe: Man fühlt sich wie Grenouille aus "Das Parfum". Das ist langweilig wie Kaugummi - und es stinkt erbärmlich.
Ralf passt mir den Ball elegant zu. Ich stoppe ihn, mache eine kurze Finte und prügle das Spielgerät dann humorlos ins linke Eck. Ein kurzer Blick, ein stilles Nicken. Wir führen beim Tischfußball mit 2:1 gegen marokkanische Halbprofis. Ich will - wie immer nach einem Tor - zur Zigarette greifen und einen Zug nehmen. Aber da ist keine mehr, wie schon seit 18 Tagen nicht mehr. Ich bin ja Nichtraucher - und spiele gerade Kicker in einer Nichtraucher-Kneipe.

Das Rauchverbot hat zur Folge, dass es in Kneipen und Kicker-Buden nicht mehr nach Rauch und zuweilen nach Cannabis riecht, sondern nach Mensch. Und wenn 25 Männer solch schweißtreibenden Sportarten wie Tischfußball und Dart nachgehen, dann riecht es von 23 Uhr an in der Kneipe wie eine Mischung aus junger Hund und Umkleidekabine eines Fußball-Kreisligisten.
Dazu ist uns aufgefallen, dass alle Gerüche ungefiltert in unsere Nase steigen. Konnten wir als Qualmer noch eine Rauch-Schutzwand aufbauen, nehmen wir nun Gerüche wahr, als wären wir Grenouille aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". Während eines Spiels bemerke ich ein auffälliges Damen-Parfum, gebratenes Fett und Biergeruch. Fragen Sie mich nicht, welche Assoziationen diese Kombination in meinem Gehirn auslöste.
Ein zweiter Effekt des Rauchverbots ist die Überbrückung der Langeweile, wenn man eine Spielpause beim Kickern einlegen muss, weil man verloren hat. Konnte man sich bisher als Mann in eine Clint-Eastwood'sche Position begeben, eine Kippe anzünden und mit halb zugekniffenen Augen lässig - und vor allem wortlos - das Treiben in der Kneipe beobachten, haben sich die Zeiten nun deutlich geändert.
Wir stehen an der Wand und sehen uns um. Wir sehen uns an. Ralf sagt: "Und?" Antwort: "Ja." Drei Sekunden Schweigen. Nächster Versuch: "Nochmal Kickern danach?" - "Ja." Schweigen. Dann endlich der erlösende Satz: "Schon komisch, wenn man nicht mehr rauchen darf. Hat man gar nichts mehr zu tun." Stimmt wirklich: Die Langeweile-Zigarette überbrückte so manch peinliches Schweigen.
Wir beschließen, ein wenig "Nichtraucher-Kino" zu spielen. Wir stellen uns an einen Tisch, von dem aus man den Menschen zusehen kann, die zum Rauchen vor die Tür gegangen sind. Wenn man den Menschen so dabei zusieht, wie sie sich mit vor Kälte zitternden Händen an ihrer Kippe festkrallen, dann hat das etwas von einem Stummfilm aus den zwanziger Jahren. Vor allem, wenn ein Mann versucht, mit einer Frau zu flirten - und sie ihn zuerst mit großen Augen ansieht, dann auf ihre aufgerauchte Zigarette deutet und schnell ins Warme geht. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, wie sie sich aus der Anmache befreite.

Zurück in die Kneipe und zu unserem Kicker-Turnier. Wir haben gegen die Halbprofis verloren. 5:6. Normalerweise ein Grund, gegen eine Kachel im Männerklo zu treten und eine Wut-Zigarette zu rauchen. Wundersamerweise bin ich jedoch gelassen wie eine Hindu-Kuh. Ich bin sowas von Zen. Die Ruhe in Person. Warum? Ich weiß es nicht. Es heißt doch immer, dass Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, aggressiv und unausstehlich wären. Funktioniert bei mir irgendwie nicht. Ich schwanke morgens auf dem Weg zur Arbeit zwar viermal zwischen Hochgefühl und Depression, das war aber als Raucher auch nicht anders.
Nein, wir stehen ruhig am Gerät und überlegen uns eine Stragegie. Ja, wir analysieren sogar Fehler. Das wäre uns als Lucky Lukes des Kickertisches nicht passiert. Ruhig wie Mönche in einem tibetischen Kloster schreiten wir zur Tat - und fegen die Jungs mit 6:3 vom Tisch. Nach dem obligatorischen Siegestanz brauchen wir keine Zigarette, sondern stellen uns wieder an unsere Wand. Jetzt haben wir ja auch etwas zu diskutieren. "Wahnsinnstrick am Ende!" - "Super Parade, Ralf!" - "Sind wir gut!"
In diesen Momenten braucht man keine Zigarette mehr - auch wenn es nach Eigenlob duftet.
Projekt Nichtraucher
Ich will eine Kippe! Jetzt!
Jeder, der mit dem Rauchen aufhört, kennt diese Situation: Man braucht eine Zigarette - und zwar hier und sofort. Es ist wie mit einer Ex-Freundin.
Die Zigaretten und ich, wir haben eine Beziehung entwickelt, die man in der Partnerschafts-Psychologie mit dem Begriff "Sex mit dem Ex" umschreiben würde. Vor mehr als drei Wochen haben wir uns getrennt - in beiderseitigem Einverständnis aufgrund unüberbrückbarer Differenzen, wie ich glaubte.
Im Film "Great Expectations" sagt Anne Bancroft zum verliebten Ethan Hawke: "Sie wird dein Herz brechen, das ist eine Tatsache. Obwohl ich dich warne." Nun brechen Zigaretten keine Herzen, sondern höchstens Lungenflügel, aber ich musste in dieser Woche dennoch an diese Szene denken. Denn Rauchentwöhnung ist dem Schlussmachen doch sehr ähnlich.
Zuerst sind wir uns aus dem Weg gegangen, dann habe ich den gesetzlich verordneten Mindestabstand genutzt, indem ich Nichtraucher-Kneipen aufsuchte. In den 36.000 Minuten der Trennung ging es mir geschätzte 35.900 Minuten lang prima. Das muss man erst einmal hinbekommen nach zehn Jahren leidenschaftlicher Beziehung.
Es gibt aber diese 100 Minuten und Gelegenheiten, die wohl jeder kennt, der versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Diese Momente, in denen eine Zigarette besser schmeckt als die Weihnachtsgans. In denen man die Augen schließt und währenddessen es einem vollkommen egal ist, dass man seiner Lunge gerade pures Gift infiltriert.

Bei mir war es am Montag zum ersten Mal so weit: Stress - ja, das kommt auch bei Journalisten hin und wieder vor - in der Arbeit. Alles musste schnell gehen, wir haben gemeinsam geschrieben, bebildert, kommentiert. Dann war Feierabend, der Druck war weg. Es gab ein Bierchen - und für die Kollegen eine Zigarette. Und plötzlich wirkte dieses acht Zentimeter lange Ding so verführerisch wie Hildegard Knef in "Die Sünderin", als sie für Gustav Fröhlich posierte. Ich weiß nicht, welche Reaktionen da im Gehirn ausgelöst werden.
Aber ich blieb standhaft - anders als meine beiden Mitstreiter Ralf und Lars, die ich bei dieser Gelegenheit noch einmal auf die Finger klopfen möchte. Ralf ist in der Verleugnungsphase und behauptet weiter, aufgehört zu haben, obwohl er fünf Zigaretten täglich raucht. Partnerpsychologisch heißt das "schönreden" oder "chronisch nostalgisch". Lars raucht weiter, als müsste er allein für Münchens Feinstaub sorgen. Das nennt man in Beziehungen "masochistisch-abhhängig".
Der zweite harte Moment traf mich am Dienstag nach dem Mittagessen. Es gab Schweinebraten mit Knödel und Sauerkraut, dazu ein Mineralwasser. Früher hätte ich mir nach solch feudalem Menü den Bauch gestreichelt und eine Kippe angezündet. Beinahe wäre ich schwach geworden, als ich die anderen sah, wie sie dastanden und an der Tabakröhre saugten. Aber ich konnte rechtzeitig flüchten.
Es folgten mehrere kleine Zwischenfälle - beim Pokern, im Stau, auf einer Party -, die mich ins Grübeln kommen ließen. Sind Zigaretten wie die erste große Liebe? Man versucht, sie zu verdrängen und zu vergessen, aber komplett gelingt es nie. Und zu den immergleichen Momenten kommt die Erinnerung hoch an die gemeinsame Zeit, die dann nur noch verklärt gesehen wird. Oder ist es doch nur Teil der Prüfung?

Ich habe mich jedenfalls kuriert - mit der "Clockwork Orange"-Therapie. Ich habe mir im Internet all die Schockbilder angesehen, die es über das Rauchen gibt: schwarze Raucherbeine, noch schwärzere Lungenflügel und gelbe Zähne. Schon war die Sehnsucht nach der Ehemaligen vergessen. Weg! Vorbei!
Da überstehe ich doch lieber diese Momente in dem Wissen, dass die Augenblicke ohne Zigarette besser und häufiger sind. Beim Fußball am Dienstag etwa wurde ich für meine unerwartete Laufbereitschaft gelobt - während Lars sich selbst auswechselte und aussah, als hätte er ein Sauerstoffzelt nötig.
Dennoch werde ich mir in der nächste Woche ein kleines Hilfsmittel holen: Nikotin-Kaugummis, um die Zigaretten aus meinem Leben zu verbannen. Das ist zwar unfair den Lungentorpedos gegenüber. Macht aber nichts. In der Liebe und beim Rauchen-Aufhören ist schließlich alles erlaubt.
Projekt Nichtraucher
"Einfach nur baaaamm!"
Mentalist Uri Geller wollte ganz Deutschland via TV vom Rauch befreien. Es klappte - weil sich vor Langeweile eingeschlafene Menschen keine Zigarette anzünden können.
Was für eine Ankündigung: "Uri Geller will Millionen Raucher bekehren!" So stand es am Nachmittag auf der Homepage von Pro Sieben. Nachrichtenseiten, die sich selbst als seriös betrachten, übernahmen die Sender-Überschrift brav, als wäre sie in Stein gemeißelt und nicht aus schwarzen Pixeln.
Ist aber auch eine Neuigkeit, wenn der israelische Löffelbieger verkündet, er wolle Deutschland rauchfrei machen. Spricht sich sicher rum. Einfaches Kalkül der Kampagne: Wenn nur ein Drittel der deutschen Raucher einschaltet, könnte Pro Sieben die durchwachsenen Quoten (zuletzt 3,3 Millionen) verdoppeln. Ein Hoch dem viralen Marketing.
Moderator Stefan Gödde verkündete am Anfang der Sendung: "Sie werden besser riechen. Sie werden schneller laufen. Sie werden besser aussehen." Wenn er gedurft hätte, dann hätte er auch noch gesagt, dass die Zuschauer eine Million Euro verdienen und den Nobelpreis gewinnen werden.
So aber holte er nur Uri Geller auf die Bühne, der sogleich in seinem ihm typischen Mix aus Wanderprediger und Motivationstrainer erklärte: "I’m always energized!" Um seine Erfolge in der Vergangenheit zu demonstrieren, schalteten Gödde und Geller ins N24-Studio. Dort wurden drei Home-Videos von Zuschauern gezeigt, die Löffel bogen.

Ein Blick ins Internet zeigt andere "Erfolge" von Geller: Er prophezeite einen Erfolg der englischen Nationalelf bei der Fußball-EM 1996 gegen Deutschland. Das Spiel endete bekanntermaßen mit einem Sieg der deutschen Elf.


Bis zur großen Entwöhnung sollte es allerdings dauern, schließlich ist "The Next Uri Geller" eine Casting-Show. Nur soll kein Superstar, Tanzbär oder Topmodel gesucht werden, sondern ein würdiger Nachfolger des Mentalisten-Millionärs. Als Promi-Zeugen waren geladen: Monrose-Sängerin Senna ("Ich glaube an das Spirituelle!"), Moderator Oli P. ("Ich hab’s wirklich gesehen!") und die ehemalige Boxerin Regina Halmich ("Es gibt was zwischen Himmel und Erde!") Das Trio war bei jedem Trick der Nachwuchs-Gedankenleser so begeistert, als hätte man ihnen gerade erzählt, Außerirdische wären direkt vor dem Studio gelandet.
In Wahrheit jedoch waren die Darbietungen so interessant wie das Anstehen an einer Supermarktkasse am Freitagabend. Lämmermann-Lookalike Alexander Hartmann klärte im Fortgeschrittenen-Cluedo einen fiktiven Mord auf. Das Promi-Trio durfte sich Ort, Tatwaffe und Mörder ausdenken - Hartmann wusste schon vorher, dass es Kermit mit einem Nudelholz in Sydney war.
Thorsten Strotmann suchte den "Stein der Wahrheit" - ein Trick, den man auch in einer dunklen Gasse im Mallorca-Urlaub geboten bekommt. Leo Martin spielte "Das ist das Haus vom Nikolaus" mit Senna - eine Variante, die man vor neun Jahren schon in David Copperfields Show "You" sehen durfte. Kandidat Farid ließ sich mit Paintball beschießen und wusste schon vorher, dass Oli P. den Bauch treffen würde.

Bei den Darbietungen der Casting-Kandidaten handelte es sich zwar lediglich um professionell produzierte Hütchenspieler-Tricks, dafür gerierte sich Uri Geller auf seinem Juroren-Stuhl wie Yoda bei einer Sitzung der Yedi-Retter. Er lobte jeden seiner Padawan-Schüler ("Perfekte psychologische Manipulation!") und weißt immer wieder darauf hin, dass er am Ende der Sendung ganz Deutschland vom Rauch befreien werde.

Das tat auch Stefan Gödde am Ende der Werbepausen, die interessanter waren als die Sendung selbst. Pro Sieben bewies nämlich, wie personalisierte Werbung im Amazon-Prinzip auszusehen hat. Es gab Hinweise auf die Sendung "Das Jesus Buch", das "Galileo"-Spezial "Ein Code wird entschlüsselt" und auf einen Spielfilm mit Tom Cruise. Wenn Sie diese Sendung sehen, könnten Ihnen auch die anderen gefallen.

Die große Rauchbefreiung kam am Ende der Sendung. Geller stieg herab von seinem Yedi-Ritter-Stuhl und begab sich auf die Bühne. Er erklärte in bester Motivationstrainer-Manier, wie schlimm das mit dem Rauchen ist. Als Beweis zog er an einer Zigarette und blies den Rauch in ein Taschentuch. Er sagte: "Das zeigt, wie dreckig Rauchen ist: gelber Teer, das haben Sie in den Lungen!" Danach gab er den Mediziner und zeigte den Unterschied zwischen einer Raucherlunge und der eines Nichtrauchers. "Sind Sie dumm?", fragt er die Raucher im Saal und an den TV-Schirmen.

Dann brüllte er den Uri-Geller-Spruch: "Achad-Shtayim-Shalosh!" Wer nun glaubte, der Ausruf sei das hebräische Abrakadabra oder zumindest das Mentalisten-"Chacka!", der sah sich getäuscht. Es bedeutet lediglich "Eins, zwei, drei" und ist der reziproke Countdown für den motivierten Zuschauer-Ruf: "Ich höre auf!"

Uri Geller schrie: "Ganz Deutschland soll rufen!" Das hatte eher etwas von Parteitag als von Rauchentwöhnung. Dann regnete es Zigaretten-Schachteln auf die Bühne, Geller umarmte einen Zwei-Minuten-Nichtraucher ("Ich glaube, du hörst auf.") und versicherte sich noch einmal bei Monrose-Senna, dass wirklich alles total übersinnlich war: "Es war einfach nur baaaaaamm!"
Nach der großen Rauchentwöhnung, die auch ein charismatischer Gesundheitsminister hinbekommen hätte, wurde noch eine Telefonnummer eingeblendet. Die Menschen sollen anrufen, damit man "in der nächsten Woche von den Langzeitwirkungen berichten" könne. Nun, Uri Gellers Leben spielt sich eben in Sekunden ab.
Wenn jedoch tatsächlich jemand aufgrund Gellers Performance das Rauchen aufgeben wird, hat der selbsternannte Mentalist sein Ziel erreicht. Die Zuschauer der Sendung jedenfalls haben an diesem Abend nicht mehr geraucht. Ein Mensch, der vor Langeweile eingeschlafen ist, kann sich kaum eine Zigarette anstecken.
Projekt Nichtraucher
Das Aggressionslevel steigt
Nervende Kollegen, motzende Leser und ein Magier im Fernsehen: Da hilft eigentlich nur eine Zigarettenpause - oder man wird zum HB-Männchen.
Prominente müssen vorsichtig sein. Ein lapidar formulierter Ausspruch kann in Hochzeitsgerüchte münden, eine durchzechte Nacht mit Drogengeschichten gleichgesetzt werden. Dass aber auch Journalisten fernab jeglicher Prominenz bei jedem einzelnen Satz so vorsichtig sein müssen, als würden sie eine Atombombe entschärfen, habe ich erst in der vergangenen Woche gelernt.
Ich schrieb: "Dennoch werde ich mir in der nächsten Woche ein kleines Hilfsmittel holen: Nikotin-Kaugummis." Den Lesermails nach zu urteilen, war dieser Satz ein Code für die Kriegserklärung an die westliche Welt kombiniert mit einer Ankündigung eines terroristischen Anschlags aufs Oktoberfest. Ich darf einen Leserbrief zitieren: "Sind Sie bescheuert? Wollen Sie sich zerstören? Das Nikotin ist raus aus dem Körper und Sie kaufen sich Kaugummis, Sie Hornochse!" Das war eine der netteren Botschaften.
Kein Wunder, dass meine anfängliche Zen-Phase schneller vorbei war als eine Fahrt im Fünfer-Looping. Die Woche kam mir vor, als wäre mein Nervenkostüm ein dünner Luftballon, der von Mitmenschen immer weiter aufgeblasen wird. Als würde man einem Menschen so lange psychedelische Musik und Steven-Seagal-Filme vorspielen, bis ihm als letzte Option nur das Ausrasten bleibt.

Aber von Anfang an: Am Samstag war ich mit meinem Nichtraucher-Kollegen Ralf bei einem Kickerturnier. In der Vorrunde mussten wir gegen zwei Thomas-Anders-Lookalikes antreten, die mit Tennis-Griffband und Michael-Jackson-Gedächtnis-Handschuh an die Stangen traten. Trotz Trash-Talk unseres Gegenübers verloren wir haushoch. Ein Moment, in dem man entweder eine Kippe raucht oder den Kicker zerlegt. Wie verzichteten auf beide Varianten, stellten jedoch fest, dass sich der Aggressionsballon zu 30 Prozent füllte. Ich biss das Ende eines Filzstiftes ab.


Am Montag dann lag ich krank daheim. Für meine Frau ist das freilich kein Grund, die Wohnung unaufgeräumt zu lassen. Nach einem gepflegten Anschiss war der Ballon halb gefüllt. Es folgte das Ausscheiden beim Online-Pokern (60%), eine Niederlage beim Computer-Fußball (70%) und das Geständnis eines Freundes, dass er meine Bud-Spencer-Sammlung verschusselt hat (80%).
Am Dienstag musste ich in die Fernseh-Folterkammer und sah mir zwei Stunden lang holprige Hütchenspielertricks und perfide paranormale Phänomene mit dem Ober-Yedi-Ritter Uri Geller an. Wer nicht eingeschlafen war, musste aggressiv werden.
Am Mittwoch gab es dann eine Begegnung mit einem Vorgesetzten. Ich hatte einen Text über die Fernsehfolter geschrieben, den ich für famos und unglaublich scharfzüngig geschrieben hielt. Sein Urteil: nicht wirklich toll. Freilich formulierte er es in seiner unnachahmlich direkten Art. Ab diesem Zeitpunkt war ich in HB-Männchen-Form und bereit, einen Bud Spencer aus "Sie nannten ihn Mücke"
Das Aggressionslevel steigt

Als Rauch-Abstinenzler braucht man eine Ersatzdroge, wenn Kollegen und Freunde die neue Sportart "Andere in den Wahnsinn treiben" jeden Tag exzessiv ausüben. Es gibt verschiedene Methoden des seelischen Ausgleichs, von denen ich einige versucht habe.

Die Klassiker Stifte-Kauen und Mit-Ring-Spielen habe ich schnell aufgegeben. Ich habe einfach keine Lust, noch einmal 45 Minuten auf Knien nach meinem Ehering zu suchen.

Mein persönlicher Favorit ist der Stress-Express - ein aus den neunziger Jahren überliefertes Relikt zum Abbau der Aggression. Es ist ein 15 Zentimeter großer Plastik-Hubschrauber, der an eine Bodenstation gekoppelt ist. Bei akutem Stress drückt man auf die weiße Taste. Der Propeller beginnt zu rotieren - in einer Laustärke, als würde auf Schalke ein Tor fallen. Lässt man die Taste los, hebt der Helikopter ab, schwebt zwei Meter über dem Boden und landet bestenfalls auf dem Kopf eines nervenden Kollegen. "Und den Stress nimmt er mit", heißt es auf der Verpackung. Eine grandiose Erfindung, die nur von Mini-Fußballtoren in Pissoirs übertroffen wird.
Ich habe die Woche zwar überstanden, jedoch gemerkt, dass ich etwas gegen die - nicht mehr als nur latent zu bezeichnende - Aggression etwas unternehmen muss. Ich habe mir deshalb einen Box-Dummy bestellt, auf den ich in der kommenden Woche einprügeln werde. Ich bin ja schon gespannt, was die Leser zu diesem Projekt zu sagen haben.
Projekt Nichtraucher
Der Nichtraucher-Millionär
Hat eigentlich schon einmal jemand ausgerechnet, was man durchs Nichtrauchen spart? Das sollte schleunigst jemand machen. Und sich dann von Chef, Staat und Banken auszahlen lassen.
Der Februar hat es wirklich nicht leicht. Er ist selbst im Schaltjahr noch kürzer als seine elf Kollegen, die Fastenzeit fällt in seine Regentschaft, es ist saukalt. Kein Wunder, dass dieser Monat so beliebt ist wie Haarausfall in der Pubertät. Es kommt noch hinzu, dass die Steuererklärung für das vergangene Jahr gemacht werden muss und moderne Firmenchefs mit ihren Mitarbeitern sogenannte Zielvereinbarungsgespräche abhalten.

Das Wort Zielvereinbarungsgespräch ist Managerdeutsch für knallharte Verhandlung, schließlich ist das Erreichen von Zielen meist Ansichtssache. Deshalb sollte sich ein braver Angestellter nur wohlvorbereitet ins Konferenzzimmer wagen. Er muss triftige Gründe vorbringen, warum er unentbehrlich ist, warum er der Firma eine Menge Geld bringt oder - noch besser - dem Unternehmen Kosten spart.

Ich gehe in dieses Gespräch so gelassen wie ein Schweizer in seine Uhrenfabrik. Nicht weil ich mich für den Mitarbeiter des Jahres 2007 halten würde, sondern weil ich vor 39 Tagen das Rauchen aufgehört habe. Ich bin ein wirtschaftlicher Erfolg - nicht nur rational, sondern rationell. Für mich, für mein Unternehmen, für die Krankenkassen, für die gesamte Wirtschaft. Ich habe da mal eine kleine Rechnung gemacht.
Raucher kosten die deutsche Volkswirtschaft laut Statistik 25 Milliarden Euro. Pro Jahr. Da es 17 Millionen Raucher gibt, spare ich dem deutschen Volk seit Januar 1470 Euro. Da ich ein großzügiger Mensch bin, verrechne ich diese Summe mit den fehlenden Tabaksteuereinnahmen von 446,58 Euro - und werde bei meiner Steuererklärung nur 1023,42 Euro vom Staat zurückfordern. Bis zu meinem Renteneintritt in 41 Jahren (nach der übernächsten Rentenalteranhebung) sind das 41.960,22 Euro. Wenn der Staat sofort zahlt, erlasse ich ihm die Inflation.

Durch das Aufhören spare ich laut dem Rauchfrei-Rechner von SWR3 ab sofort pro Tag 3,61 Euro. Da ich nun - das sagt der Lifetime-Rechner - bei meinem gesunden Lebenswandel noch exakt 49,7 Jahre zu leben habe, bin ich dadurch für mich selbst bis zum Ende 65.487,21 Euro im Plus. Das sollte reichen, um zur Bank zu gehen, einen Kredit in dieser Höhe aufzunehmen und mir endlich einen halben Audi R8 zu kaufen. Mit den 41.960,22 Euro vom Staat habe ich schon 85 Prozent beisammen.

Nun zur Firma und dem Zielvereinbarungsgespräch: Ich bin auf die Internetseite zigarettenpauserechner.de gestoßen. Dort füllt man ein Formular aus und bekommt sofort berechnet, wie viel man seiner Firma kostet, wenn man Raucherpausen abhält. Man kann es natürlich auch reziprok anweden. Durch das Aufhören spare ich meiner Firma 5,01 Euro pro Stunde. Das sind 40,12 Euro pro Tag. Allein im Monat Januar also 1203,51 Euro.

Da mein Chef mich als Raucher eingestellt hat, ist das Aufhören ein Upgraden meiner selbst. Das sollte er honorieren. Ich würde sagen, wir machen fifty-fifty und mein Gehalt wird um 600 Euro pro Monat erhöht.

Das bedeutet, dass ich in 28,6 Monaten, also am 19. Mai 2010 die restlichen 17.155,28 Euro beisammen habe und mit dem R8 zur WM nach Südafrika brausen darf. Die 600 Euro pro Monat muss der Chef nämlich auch im Februar komplett zahlen - banktechnisch hat der Februar nämlich 30 Zinstage und ist somit genauso toll wie alle anderen Monate.

Projekt Nichtraucher
Elende Besserwisser
Wer mit dem Rauchen aufhört, bekommt zahlreiche Tipps von anderen Menschen. Die meisten sind so brauchbar wie der Blinddarm und so nervig wie Schlaubi Schlumpf.

Die Welt ist, seit dem 1. Januar 2008 ganz sicher, unterteilt in gute Menschen und böse Menschen. Nicht im George-W--Bush'schen Sinne, aber ähnlich. Die Guten, das sind die Nichtraucher. Die anderen, diese luftverpestenden Zigaretten-Nuckler, das sind die Bösen. Sie sind schuld am Gestank, schuld an den Beiträgen für die Krankenkassen. Wenn wir könnten, würden wir Raucher auch noch für das Fernsehprogramm am Freitagabend verantwortlich machen. Keine Frage: Raucher, die dazu noch kein Deo benutzen, gehören zur "Achsel des Bösen".

Ich selbst gehöre zu den Guten. Ganz bestimmt. Mein Chef ließ mir zwar nicht die Gehaltserhöhung angedeien, die ich vergangene Woche aufgrund der zahlreichen Einsparungen gefordert habe. Aber er erklärte mich zum "Mitarbeiter der Herzen". Das spart ihm Geld und mich freut es trotzdem. Ein schlauer Mann, der Chef.

Ich habe mich bei der Nichtraucher-Seite der Europäischen Union angemeldet. Die versorgt mich seit dem ersten Tag mit Tipps, die so hilfreich sind wie der Blinddarm. Meldung eins etwa lautet: "Wenn Sie während des Kaffeetrinkens für gewöhnlich eine Zigarette rauchen, trinken Sie einfach weniger Kaffee oder genießen Sie ihn im Nichtraucherbereich." Als ich das las, kam es mir vor, als würde ich einen Bildschirm betrachten, auf dem nur Schneetreiben zu sehen ist.

Ist man erst einmal in diesem Nichtraucherklub, gibt es Entrinnen mehr. Rechts oben auf der Homepage sieht man ein Bild: Ein dürrer Kerl im Grobripp-Unterhemd "Karl-Heinz" kniet über einem Mülleimer und drückt eine Kippe aus. Man wartet darauf, dass er zu einem hippen Model im Anzug mutiert, wenn die Zigarette aus ist. Tut er nicht. Schade.

Dafür gibt es Aufgaben: "Finden Sie ein oder zwei frohe Momente jeden Tag, auch wenn sie nur kurz sind. Versuchen Sie, diese Freude zu vermehren, wenn Sie möchten." Das hört sich an wie eine Mischung aus Scientology-Imagefilm und Parteiprogramm der 68er-Bewegung. Dann schon lieber die aufmunternde Worte auf der Seite: "Sie müssen schlauer sein als Ihr Verstand!" Ich habe es wirklich sieben Tage lang versucht - mein Verstand blieb klüger als ich.

Dafür durfte ich - so befiehlt es eine weitere Mail - das 40-tägige Jubiläum feiern. "Es ist zwar noch kein echtes 'Jubiläum', aber schon sehr gut", heißt es. Die EU-Nichtraucher-Initiative ist altklüger als Schlaubi Schlumpf - oder Besserwisser-Schlumpf, so hieß er in den Comics.

Ich bin also einer von den Guten. Meine Kollegen Lars "die Teerlunge" und Ralf "Mit fünf pro Tag gelte ich als Nichtraucher" sind die Bösen. Obwohl: Sie müssen wenigstens nicht versuchen, schlauer als ihr Verstand zu sein.

Projekt Nichtraucher
"Du bist doch ein intelligenter Mensch!"
Die siebziger Jahre waren ein komisches Jahrzehnt: Menschen drehten Filme wie "Hausfrauenreport", machten frauenfeindliche Witze in "Der 7. Sinn" - und ließen Ingrid Steeger eine Nichtraucher-Serie drehen.

Damals, es war das Jahr 1978, da durften die Menschen noch rauchen, wo sie wollten. Im Zug, im Flugzeug - ja selbst im Fernsehen durften sich andere Menschen als Helmut Schmidt eine Zigarette anzünden. Ich war noch nicht geboren, deshalb kann ich nicht sagen, ob das eine schöne Zeit war damals oder eine schlimme. Ich sehe nur, dass ältere Mitmenschen immer einen eigenartig verklärten Blick bekommen, wenn man diese Siebziger erwähnt.

Damals also, in einer Zeit, in der es noch keine Killerspiele gab und keine Ü-30-Partys und Fußballstadien noch Fußballstadion hießen und nicht Arena, da war auch das Fernsehen anders. Es hatte einen pädagogischen Auftrag. "Der 7. Sinn" etwa warnte vor der Unfähigkeit von Frauen am Steuer, die immer dann zu Fehlern neigen würden, wenn sie gerade einmal wieder deprimiert seien.

Der 7. Sinn Achtung Frauen am Steuer

"Der 7. Sinn": Frauen am Steuer
In dieser Zeit gab es eine Frau im Fernsehen, die es nur zu dieser Zeit im Fernsehen geben konnte. Eine naive Frau mit Kulleraugen und lustigen blonden Locken. Sie nannte sich Ingrid Steeger, hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Menschen aufzuklären und spielte in lehrreichen Filmen wie "Schulmädchen-Report" und "Hausfrauenreport" mit.

1978 dann setzte es sich diese junge Frau in den Kopf, auch noch eine TV-Serie gegen das Rauchen zu drehen. Man nannte die Reihe nicht "Raucher-Report", obwohl sich das durchaus angeboten hätte. Die Serie hieß "Der blaue Dunst" und neben Steeger wirkte auch noch Hans Clarin mit, der zehn Jahre später vom Tabakforum zum "Pfeifenraucher des Jahres" gewählt wurde.
Es geht in den 13 Sendungen, die jeweils fünf Minuten dauern, um eine hibbelige Frau (Steeger), die mit Hilfe ihres Freundes (Clarin) von der Kettenraucherin zur Nichtraucherin werden möchte. Die Episoden selbst sind kleine Sketche, die man nur in den siebziger Jahren komisch finden konnte und nun über eine gewisse Nostalgie-Ironie verfügen.

Wichtiger sind jedoch die Tipps, die als getippte Blätter immer wieder ins Bild gehalten werden. Diese waren nicht nur in den Siebzigern, diesem wilden Jahrzehnt, hilfreich oder blöd oder drollig, sondern heute auch noch. Hier sind die Steeger'schen Lieblingstipps.

Es gibt die hilfreichen Vorschläge wie das Nichtraucher-Tagebuch (das führe ich), das Sparschwein (habe ich vor zwei Wochen vorgerechnet - und immer noch keine Gehaltserhöhung bekommen) und das Verbot der Langeweile-Kippe. Es gibt aber auch andere Gebote.

Nehmen Sie kein Feuerzeug mit! Dieser Tipp ist ungefähr so hilfreich wie der, dass Kaffeeraucher keinen Kaffee mehr trinken sollen. Oder: Wechseln Sie bei jeder Packung die Marke! Anscheinend wussten die Produzenten nicht, dass man nur seiner ersten Liebe treuer ist als der Zigarettenmarke. Und noch besser: Rauchen Sie jede Zigarette nur noch bis zur Hälfte! Das macht einen Menschen nicht zum Nichtraucher, sondern insolvent.

Irgendwann spricht Clarin den einfachen wie genialen Satz: "Du bist doch ein intelligenter Mensch! Warum hörst du nicht auf?"

Wegen dieses Satzes muss der WDR im Jahr 2008 die DVD herausgebracht haben - und nicht, um im Zuge der Rauchverbot-Debatte noch ein paar Euro zu verdienen.

Es ist dieser Satz, der nicht nur damals genial war, sondern auch heute noch jeden Menschen anspricht. Denn schließlich ist nichts auf der Welt so gerecht verteilt wie Intelligenz - kaum jemand beschwert sich, dass er zuwenig davon hätte.

Projekt Nichtraucher
Raucher sind die cooleren Menschen
Die angesagten Jungs auf dem Schulhof waren stets die, die geraucht haben. Warum hat sich daran auch heute nichts geändert? Eine Erklärung.

Es gibt Adjektive, die Menschen gerne auf sich angewandt wissen. Attraktiv gehört dazu, sympathisch steht ebenfalls oben auf der Liste. Das Über-Adjektiv allerdings ist cool. Für einen Teenager bedeutet das Wort eine raison d'etre. In einem Internet-Lexikon steht: "Coolness, also Cool-Sein, gilt mittlerweile in weiten Kreisen der Gesellschaft als anstrebenswerte Persönlichkeitseigenschaft. In einigen Subkulturen ist das Ideal von Coolness besonders ausgeprägt." Cool ist einfach cool - nicht umsonst wird Oscar Wildes Buchtitel für den Spruch "The Importance of Being Cool" missbraucht - Cool sein ist wichtiger als ernst sein.

Die Bedeutung von "cool" hat seinen Usprung im Jazz. Wenn es im Club zu heiß wurde und die Musiker zu schwitzen begannen, dann spielten sie ein paar ruhigere Lieder, um sich nicht anstrengen zu müssen. Leise Drums, vorsichtiger Bass, lockere Trompete. Kein Wunder, dass Jazz als eine der coolsten Musikrichtungen gilt.

Es gab auch einmal eine Zeit, da war das Rauchen cool. Es begann mit Marlene Dietrich, wurde von Jimmy Stewart aufrechterhalten und endete irgendwann mit John Travoltas letzter Kippe in "Pulp Fiction". Doch nicht nur im Film, sondern auch auf dem Schulhof, auf Partys und in Kneipen waren die coolen Jungs meist die, die geraucht haben.

In diesem Jahrhundert freilich ist es völlig uncool, Raucher zu sein. Es wundert einen schon, dass in besagtem Internet-Lexikon beim Begriff "cool" nicht steht, dass nicht "uncool" das Gegenteil von "cool" ist, sondern "Raucher". Diese luftverpestenden, ignoranten, willensschwachen, kurz: nicht-coolen Menschen.

Ausgerechnet jetzt erscheint eine Studie, die besagt, dass 83 Prozent aller professionellen Jazz-Musiker rauchen. Ja schlimmer noch, die meisten von ihnen rauchen, während sie den Bass bedienen oder die Drums streichen. Nur die Trompeter würden aus nachvollziebaren Gründen während des Spiels auf eine Kippe verzichten.

Wie kann man sich das erklären? Wie können diese coolen Typen mit ihrer coolen Musik solch ein uncooles Hobby wie das Rauchen haben?

Das würde nämlich auch mein Verhalten in den vergangenen Wochen erklären: Wenn Kollegen zum Rauchen ins Treppenhaus wandern, gehe ich einfach mit. Wenn ein Kumpel die Bar zum "Smirten" verlässt, bin ich dabei. Ich stelle mich bei Partys sogar mit auf den Balkon - obwohl es eiskalt da draußen ist.

Warum ist das so? Es kommt mir so vor, als wäre ich nicht süchtig nach dem Rauchen, sondern nach einer Raucher-Clique. Bei den Rauchern geht es zu wie in der Jungs-Gruppe damals in der Schule. Es wird Blödsinn getrieben, gelacht, geschäkert. Hin und wieder erzählt einer einen schlechten Witz. Es ist einfach cool, dabei zu sein.

Immer-noch-Raucher Ralf stellt in seiner gewohnt zurückhaltenden Art fest: "Wir sind einfach cool!" Recht hat er: Raucher sind die cooleren Menschen! Wenn sie nur nicht rauchen würden.
Projekt Nichtraucher
Ich dreh total durch!
Glaubt wirklich jemand, man könnte mit dem Rauchen aufhören, ohne wenigstens einmal komplett durchzudrehen? Es geht nämlich nicht.

Es war im April 1857, als im National Telegraphic Review and Operators Guide das erste Emoticon dokumentiert wurde. Es sah so aus: --......--. Es ist der Morsecode der Zahl 73 und bedeutete "love and kisses" - wobei nie geklärt wurde, was die Zahl oder die Grafik mit Liebe und Küssen zu tun hat. Ende des 19. Jahrhunderts evolvierte das Zeichen in __/, was einen lachenden Mund symbolisierte. Emoticons sind ökonomisierte Kommunikation, der virtuell gewordene Traum von Unternehmensberatern und Sanierern.

Den endgültigen Durchbruch erlebte das Emoticon im Jahr 1963, als der Zeichner Harbey Ball einen gelben Klecks mit zwei Punkten und einer Kurve malte - der Smiley war geboren. Er sollte der Mitarbeiter-Motivation dienen. 35 Jahre später gibt es Tausende dieser Figuren, sie bewegen sich, können sprechen, sind mit Musik unterlegt.

Es geht so weit, dass ein Kollege nicht mehr anruft und fragt, ob man mit ihm rauchen geht, sondern über das Büro-interne Kurzmitteilungssystem einen Smiley mit Kippe im Mund verschickt. Als braver Nichtraucher tippt man fubar ein und sendet dem Kollegen so ein gelbes Gesicht, das den Vogel zeigt.

Diese Emoticons sind nicht nur Effizienz-optimiert und en vogue wie rosa Oberhemden, sie bewahren den gemeinen Menschen auch vor Ärger, Abmahnung und Amoklauf. Denn - und das ist Gesetz bei der Rauchentwöhnung - es gibt diesen einen Zeitpunkt, an dem ein Nichtraucher-Frischling komplett ausrastet.

Es geht nicht um diese kleinen Gemeinheiten, die man den Mitmenschen an den Kopf wirft und sich dann entschuldigt: "Ich höre gerade mit dem Rauchen auf, ich bin ein wenig aggressiv." Es geht um eine tiefsitzende innere Wut, die man musikalisch bei der Gruppe Korn und cineastisch bei Quentin Tarantino findet.

Es beginnt langsam: Man schlägt dem immer noch rauchenden Kollegen die Zigarette aus dem Mund, man staucht die im Weg stehende Praktikantin zusammen, man verlässt an einem dramaturgisch wirkungsvollen Zeitpunkt die morgendliche Konferenz.

Irgendwann jedoch hilft das alles nichts mehr. Man wird zu einer Ketchupflasche, die auf dem Kopf steht und auf die seit Wochen von hinten eingeprügelt wird. Irgendwann platzt es aus einem heraus und dann gibt es eine riesige Sauerei. Und dann kann man nur hoffen, dass keine wichtigen Personen oder Dinge im Raum sind. Sonst endet es böse.

Wie gut, dass Emoticons nicht nur ökonomisierte, sondern auch friedensstiftende Kommunikation sind. Statt eines Amoklaufs im Büro, Wohnzimmer oder Fitnessstudio genügt es vollkommen, alle Kollegen und Freunde auf den Skype-Verteiler zu setzen und folgende Nachricht zu schicken:

-> -> ->

Damit ist alles gesagt.

Es gibt diese wunderbare Szene im Film "Falling Down". Michael Douglas geht in einen koreanischen Supermarkt, um Geld zu wechseln. Der Inhaber lehnt ab, Douglas dreht durch. Er schnappt sich einen Baseballschläger. Er knüppelt den Koreaner nieder. Er verwüstet den Laden. Dann geht er weiter auf seiner "Mir reicht's"-Tour, die in Douglas' Tod mündet.

Nachdem ich den Film in dieser Woche zum zehnten Mal gesehen habe, wurden mir zwei Dinge klar: Douglas' Figur hat kurz zuvor mit dem Rauc
Projekt Nichtraucher
Ich Lusche!
Als Nichraucher erfährt man Zuspruch, Anerkennung und Lob? Weit gefehlt! Manche Menschen versuchen es auf die harte Tour.

Ich habe in dieser Woche Post erhalten wegen meines Versuches, das Rauchen aufzuhören. Ich bekomme sehr viele nette Briefe von Lesern mit kleinen Anekdoten, lehrreichen Tipps und aufmunternden Worten, für die ich mich herzlich bedanken möchte. In der vergangenen Woche jedoch war ein Brief dabei, der war anders. Es war am vergangenen Freitag um 21.05 Uhr, als die E-Mail in mein Postfach trudelte.

Hier ist sie:

"Mann, Sie sind doch eine totale Flasche. Ich rauche seit über 15 Jahren nicht mehr, habe aber zuvor fast 20 Jahre lang täglich im Schnitt zwei Schachteln geraucht. Gitanes, Boyards, Celtics. Zigaretten, kein Schwuchtelzeug, wie es heute verkauft wird. Und jetzt lese ich ihr Gegreine."

Zuerst habe ich mich geärgert. Da hört man mit dem Rauchen auf, ist elf Wochen lang clean. Und dann wird man beschimpft. Danach war ich böse - auf mich selbst. Wie kann ich mich nur bei all dem Erfolg so mimosenhaft über diesen Brief ärgern? Ich war kurz davor, wegen diesem Ärgernis eine zu rauchen.

Auch meine Kollegen wurden in dieser Woche immer feindseliger. Meine Abneigung Rauchern gegenüber quittierten sie mit Kopfschütteln und Spitznamen wie "Wechsel-Pete". Ich wurde kreativ. Ich wollte die Kollegen in bester Uli-Hoeneß-Manier beschimpfen: Was sie denn glauben, wer sie seien, was sie sich denn erlauben und überhaupt! Ich sammelte neben Schimpfwörtern und Kraftausdrücken schon Emoticons, um meine Wut zu bebildern.

Dann wurde ich nachdenklich. Bin ich wirklich eine Lusche, die es nicht schafft, einfach mit dem Rauchen aufzuhören? Bin ich wirklich so willenlos wie Alfi und Spud und Konstantine und all die anderen Filmfiguren, die es nicht schaffen, von ihrem Laster wegzukommen? Schon wieder war ich sauer.

Ich war in Rage, ich war dabei, zum verbalen Hulk zu werden. Da tippt mir mein Chef auf die Schulter und sagt: "Vielleicht meint er es gut." Ich sah ihn so an, wie ein Kind seinen Vater anschaut, der ihm sagt, dass zehn Kugeln Eis nicht gut für den Magen sind.

Ich tippe in das E-Mail-Feld: "So, nachdem ich nun 20 Minuten wegen Ihrer Mail geheult habe, habe ich beschlossen, eine harte Sau zu werden und meinen Hintern zusammenzukneifen. Danke!"

Seine Antwort: "Hallo, freut mich, dass ich behilflich sein konnte."

Projekt Nichtraucher
Der Rückfall
Die erste Zigarette nach mehr als 70 rauchfreien Tagen: Es war schrecklich, eklig - und unglaublich lehrreich.

Leser haben mich davor gewarnt. Freunde haben mich davor gewarnt. Ich habe mich davor gewarnt. Der Satz gehörte zu meinem Morgengebet: "Fang' nicht wieder an, nicht eine einzige Zigarette!" Und dann sowas: Ich habe geraucht - nicht nur eine Zigarette, sondern gleich zwei.

Eine Zigarette macht doch nichts. Das sagen meist Leute, die später dann Zigarette durch Schachtel ersetzen und Schachtel durch Stange. Ich kann nur sagen: Eine Zigarette macht schon etwas!

Es war auf einer Party. Klar, wo sonst? Partys sind das Spinnennetz für die Nichtraucher-Fliege. Freunde und Bekannte stehen ungezwungen herum, unterhalten sich und trinken Alkohol. Das führt dazu, dass selbst Hardcore-Nichtraucher ihre Militanz aufgeben und sagen: "Jetzt rauche ich eine mit!"

Bisher fiel es mir nicht schwer, "Nein" zu sagen. Ich stellte mich in die Schandecke mit den Rauchern und vergrößerte ihre Schande durch meine Standfestigkeit. Ich fühlte mich so stark wie Herkules zwischen den Prüfungen sieben und acht.

Es war aber auch keine normale Party. Es war ein Freitagabend, ein Kollege hatte Mitarbeiter und Freunde geladen. Jeder war gut gelaunt, jeder lachte, jeder tanzte - und jeder rauchte. Und da ich auch schon ein Glas Bowle zuviel hatte, schloss ich mich ganz lemminghaft an. Es war ein flüchtiges Glück, diese erste Zigarette. Also zündete ich sofort die nächste an. Aber selbst das befriedigte mich nur halbwegs. Ich hustete. Mir wurde schwindlig. Mir wurde schlecht. Glück sieht anders aus.

Am nächsten Morgen kam noch die Scham hinzu. Ich fühlte mich wie Petrus am Karfreitag, als der Hahn zum dritten Mal krähte. Ich traute mich nicht, meiner Frau einen Guten-Morgen-Kuss zu geben, weil ich wusste, dass sie es trotz ausgiebigen Zähneputzens riechen würde. Zur Strafe war ich heiser, hatte Kopfweh und schmeckte den Rauch noch bis zum Abend.

Die Scham mischte sich mit Ärger darüber, warum ich nur schwach werden konnte. Ich versuchte es mit Ausreden, schob alles auf den Alkohol und die bösen Kollegen, die mir die Kippen spendierten. Es half jedoch nichts - ich lag auf meiner Couch mit einer Mischung aus Wut und Schamgefühl - so dass meine Frau schon den Eindruck gewann, ich hätte etwas angestellt.

Die Fragen jedoch, die mich danach beschäftigten, waren andere. Würde ich rückfällig werden? Würden diese beiden trunkenen Zigaretten die Sucht aufleben lassen? Die Antwort wusste ein guter Freund. Er sagte: "Ein Raucher kann nie zum Nichtraucher werden. Entweder er ist ein Raucher - oder er ist ein Raucher, der aufhört."

Ich nahm mir von dieser Aussage an vor, zur zweiten Kategorie zu gehören
Projekt Nichtraucher
Warum rauchen wir?
Irgendwann muss man sich der Sinnfrage des Rauchens stellen: Will ich eine Zigarette rauchen oder muss ich eine Zigarette rauchen? Erst dann kann man wirklich aufhören.

Einer der besten Texte, der jemals über das Rauchen geschrieben wurde, ist in der März-Ausgabe des amerikanischen Magazins Esquire abgedruckt. Er stammt von Tom Chiarella, der Titel lautet: "Learning to smoke" - das Rauchen lernen. Der Autor ist Professor an der DePauw-Universität in Greencastle, Indiana, und hat in den 46 Jahren seines Lebens noch nie eine Zigarette geraucht. Er will es lernen. Ja, richtig: Der Mann will das Rauchen lernen. Einen Monat will er das tun, dann wieder aufhören.

Chiarellas Projekt ist ungewöhnlich und deshalb beeindruckend, weil der Autor mit einer Ernsthaftigkeit an das Projekt geht - so als würde er ein Instrument lernen wollen. Das äußert sich in Sätzen wie: "Jetzt bin ich seit einer Woche ein Raucher - und zum ersten Mal hat es wirklich geklappt. Vielleicht habe ich bisher nicht korrekt inhaliert. Jetzt schon, ich konnte es regelrecht spüren." Er berichtet von skurrilen Erlebnissen am Flughafen (er wusste nichts vom Rauchverbot im Terminal), vom Streit mit seiner Freundin, die seit Jahren raucht, und von Zigarettengeschmäckern.

In der Mitte des Textes stellt sich Chiarella eine Frage, die so einfach ist, dass sie einem Raucher nur selten begegnet: "Will ich jetzt rauchen oder muss ich jetzt rauchen?" Chiarella will wissen, was da vorgeht in einem Raucher - und genau das würde ich auch gern wissen.
Klar, es gibt diese Momente, in denen man gerne raucht. Die kennt Chiarella genauso gut wie ich. Diese Zigarette nach einem guten Essen. Das genüssliche Rauchen, während man mit dem besten Freund am Kickertisch steht oder eine Partie Schach spielt. Die Kippe nach dem dritten Bier bei einem guten Gespräch. Um diese Zigaretten geht es nicht. Es geht um die 15 absolut unnützen Zigaretten, die man zusätzlich pro Tag inhaliert. Raucht man sie, weil man sie rauchen will - oder raucht man sie, weil man rauchen muss?

Ich habe deshalb das Experiment von Chiarella umgekehrt und versucht zu analysieren, wann ich Lust auf eine Zigarette verspüre und wann zwanghaften Drang. Auf diese Weise wollte ich die Form meiner Abhängigkeit ergründen, um wieder auf den rechten Weg zu kommen und die Aussetzer der vergangenen Wochen - ich habe ja wieder geraucht - zu begradigen.

Es war am Dienstag, als ich über einem Text saß und beinahe verzweifelte. Ich dachte mir: "Jetzt brauche ich eine Zigarette." Brauche, nicht will. Ein wenig später gab es eine Diskussion mit einem Kollegen, mein Gedanke: "Ich muss eine rauchen!" Muss, nicht will. Und als ich abends vor einem wichtigen Termin ein wenig nervös war, dachte ich mir, dass nur eine Zigarette mich wieder beruhigend könnte.

Da wurde mir eindeutig klar: Ich bin kein Genussraucher und kein Gelegenheitsraucher - sondern jemand, der süchtig nach Zigaretten ist, wenn es stressig wird. Genauso wie Chiarella, der am Ende seines Textes eine weitere wichtige Erkenntnis hat: "Ich vermisse das Rauchen immer noch. Den Geruch von Rauch an meinen Fingern. Das Päckchen in der Tasche. Dieses kleine High-Werden. Ich vermisse es." Wer einmal geraucht hat, wird nie mehr zum
Projekt Nichtraucher
James Bond muss rauchen
Pierce Brosnan war der erste Bond-Darsteller, der im Film nicht geraucht hat. Sein Nachfolger Daniel Craig verzichtet nicht nur auf die Zigarette, sondern ist süchtig nach Babyöl. Da muss man eingreifen.

Früher, als das Fernsehen noch schwarzweiß war und es das Format 16:9 nur auf der Kinoleinwand gab, da war es den Helden noch erlaubt, sich nach getaner Arbeit eine Kippe anzustecken. Humphrey Bogart qualmte in fast jedem seiner Filme, Jean-Paul Belmondo in "Außer Atem", Marcello Mastroianni in "Das süße Leben". Das Rauchen gehörte zur Lebenskunst, zum Savoir-vivre, auch und gerade im Film.

Nicht nur in der Nouvelle Vague hatte es den Anschein, dass ausschließlich Schauspieler gecastet wurden, die Kettenraucher waren. Auch bei Clint Eastwood schien die Kippe an der Oberlippe festgetackert zu sein, James Dean nuckelte in "Giganten" lässig an einer Zigarette. Marlon Brando, Charles Bronson, Telly Savalas - sie alle rauchten ungeniert. Im Film "Sweet Bird of Youth" wird gar die Zigarette danach erfunden: Geraldine Page raucht entspannt im Bett, während sie von ihrem Liebhaber beobachtet wird.
Das ist heute anders. In Film und Fernsehen rauchen nur noch die Antihelden, die Gauner. In "Pulp Fiction" etwa paffen John Travolta und Uma Thurman ungeniert, in der Serie "Akte X" ist die allerböseste Figur ein Kettenraucher. Am deutlichsten wird es in "Fight Club": Der brave Protagonist wird zu Untaten verführt - von seinem durchtriebenen Alter Ego, der natürlich immer und überall raucht.

Die Message ist eindeutig, schließlich war Film schon immer ein überzeichneter Spiegel der Gesellschaft: Rauchen, das tun nur noch die üblen Jungs.

Es gibt eine Filmfigur, bei der dieser Sinneswandel dem Rauchen gegenüber am deutlichsten wird: James Bond. Während Sean Connerys Bond strahlend weiße Morlands - Balkan & Turkish Blend Cigarettes mit drei goldenen Streifen am Filter - aus einem Metalletui nahm und sie mit einem schwarzen Ronson-Feuerzeug anzündete, rauchte Timothy Dalton im Zuge des Product Placements Zigaretten der Marke Lark. Auch George Lazenby zog an der Kippe, Roger Moore dagegen schmauchte Zigarren.

Dann kam der Bruch: Pierce Brosnan interpretierte James Bond als Nichtraucher. Und auch Daniel Craig bleibt der Zigarette fern.

Man könnte das nun als wertvolles Plädoyer der Bond-Franchise für das Nichtrauchen werten - wäre da nicht die Meldung der britischen Zeitung Mirror, dass Craig auf Babyöl schwört. Der 40-Jährige lasse sich "riesige Mengen" Schönheitsprodukte anliefern: Neben der Walther PPK und Wodka-Martini gehörten nun auch Bräunungscreme, Feuchtigkeitslotion und Babyöl zu den Utensilien am Set. "Daniel Craig ist der erste metrosexuelle Bond", zitiert das Blatt einen Mitarbeiter am Set.

Um den Effekt der Muskeln zu maximieren, trage Craig Babyöl auf, zur Straffung der Gesichtshaut tauche der Schauspieler sein Gesicht in Eiswasser. Damit seine Augen strahlen, benutze er eine Spezialcreme, die das Weiße noch weißer erscheinen lasse.

Der Superagent unterliegt einer verheerenden Verweiblichung - was dürfen die Fans vom neuen Film "Quantum of Solace" erwarten? James Bond beim Aufräumen seiner Wohnung? Näht er Handtaschen anstatt Baccarat zu spielen? Der Agent beim Psychiater, um über Potenzprobleme zu sprechen?

Nein, es hilft nur noch eins: Bond muss sich im Film eine Zigarette anzünden - auch wenn dann die Altersbegrenzung heraufgesetzt wird und auf dem Filmplakat ein Hinweis angebracht werden muss: "Das Ansehen dieses Films kann süchtig machen."

Projekt Nichtraucher
Einfach willenlos
Man denkt ja gewöhnlich, dass Kaffee und Zigaretten zusammengehören, schließlich gibt es sogar einen Film darüber. Alles falsch: Zigaretten gehören zum Alkohol.

Steven Wright trinkt literweise Kaffee, damit er schneller träumen kann. Notarzt Tom Waits ist stolz, dass er das Rauchen aufgegeben hat. Das Schöne am Aufhören, will er dem Rocker Iggy Pop einreden, ist die Tatsache, dass man jederzeit wieder anfangen kann. Und schon belohnen sie sich gemeinsam mit einer Zigarette - und einer weiteren Tasse Kaffee.

Kaffee und Zigaretten, das gehört irgendwie zusammen. Jim Jarmusch hat gar einen Film über Nikotin- und Koffeinsüchtige gedreht und ihn passenderweise "Coffee and Cigarettes" genannt. Die Protagonisten vernebeln sich die Köpfe, sie diskutieren über Tabakmischungen, den umweltschonenden Einsatz von Nikotin als Insektizid und fordern, endlich Kaffee als Eis am Stiel auf den Markt zu bringen. Der Spruch "Auf 'nen Kaffee und 'ne Kippe" gilt mittlerweile als Synonym dafür, dass ein gutes Gespräch ansteht.

Bei mir ist das anders. Ich bin auch süchtig nach Zigaretten und ich bin süchtig nach Kaffee - aber nicht zusammen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit brauche ich einen Vanilla-Latte einer amerikanischen Café-Kette - wobei ich mich dann immerzu frage, wie die diesen Heiß-Kalt-Kaffee hinbekommen. Bei der Ausgabe nämlich ist das Getränk so heiß, dass man sich die Lippen verbrüht. Zwei Minuten später ist es eiskalt, die trinkbare Temperatur wird einfach übersprungen. Aber das ist ein anderes Thema.
Bei mir ist der Zusammenhang zwischen Zigarette und Getränk anders - und ich habe aus Briefen und Gesprächen erfahren, dass es vielen Menschen ähnlich ergeht. Ich habe es in dieser Woche wieder erlebt. An sechs Tagen war ich brav, ich habe keine einzige Zigarette angefasst - ja, ich habe nicht einmal ans Rauchen gedacht.

Dann jedoch gab es diesen geselligen Abend am Mittwoch, als ich mich mit ein paar Kollegen zum Feierabendbierchen und zur Wii-fit-Skisprungmeisterschaft verabredet habe. Mit steigender Promillezahl stieg auch meine Lust auf eine Zigarette - würde man in einem Koordinatensystem auf der X-Achse den Alkoholkonsum einzeichnen und auf der Y-Achse den Drang eine Zigarette zu rauchen - der Graph wäre eine unfasslich steile Kurve. Ich werde einfach willenlos.

Woran liegt das? Warum stehen diese beiden suchtbringenden Dinge in so direktem Zusammenhang? In einem Internetforum versucht sich ein rauchendes Mitglied an einer Erklärung: "Wenn man Alkohol trinkt, fühlt man sich stark, beinahe unangreifbar. Dann denkt man sich, auch eine kleine Kippe könne einem nichts anhaben - und schon hat man sie im Mund."

Auch Wissenschaftler haben den Zusammenhang von Alkohol und Nikotin beschrieben. Sie verweisen auf die fallende Hemmschwelle und abgestumpfte Rezeptoren im Gehirn. Dann muss eine Zigarette her. So war es bei mir auch - nur dass ich an diesem Abend zehn Zigaretten geraucht habe. Seitdem keine einzige mehr.

Was kann ich also tun? Nie wieder Alkohol trinken? Oder einen stärkeren Willen entwickeln? Mein einziger Trost derzeit ist, dass mein besonderer Freund Daniel Craig (siehe Artikel der vergangenen Woche) ähnlich leidet. Er gab an, ebenfalls eine starke Nikotinsucht zu entwickeln, wenn er Alkohol trinkt. Für den Bond-Darsteller ist das kein Problem, er führte einfach die sogenannte Night of Shame ein: "Dann betrinke ich mich und rauche eine Zigarette nach der anderen."

Nun habe ich die Wahl: Entweder ich entsage dem Alkohol für immer, werde willensstärker oder führe ein Leben wie Daniel Craig. Letzteres würde mich zwar einen Tick attraktiver für meine Lieblingskollegin machen, die anderen Möglichkeiten verlängern mein Leben dafür deutlich. Ich weiß nur nicht, wie das gehen soll. Diesmal brauche ich die Hilfe der Leser, sonst bleibt mir irgendwann nur noch eine Lösung: Die gnadenlose Überhöhung des Problems in meinem eigenen Film "Alcohol and cigarettes".
Projekt Nichtraucher
Der Rauch und das Gewicht
Kann man eigentlich mit dem Rauchen aufhören, ohne zuzunehmen? Ja, man kann - wenn man Profisportler oder Spartaner ist.

Es gibt sie in jeder Firma. Diese nervigen Mitarbeiter, die Kritik nicht offen üben, sondern so subtil vorgehen wie Luca Toni beim Freilaufen. Die einen Vorschlag in der Konferenz nicht offen angreifen, sondern nur ungläubig-amüsiert den Kopf schütteln. Das kommt beim Chef gut an, schließlich bleibt das Betriebsklima so angenehm unauffälig. Die Böswilligkeit wird nicht sichtbar.

Diese Kollegen sind deshalb so penetrant, weil sie alles immer so positiv rüberbringen und deshalb nie schlecht gelaunt oder gar aggressiv wirken - das funktioniert alles hintenrum. Das zeigt sich auch bei privaten Dingen. Die bringen diese Mitarbeiter besonders gern zur Sprache, verkaufen sie jedoch als geschäftlich - und natürlich positiv.

Solch ein Gute-Laune-Kritiker kam in dieser Woche auf mich zu, beide Mundwinkel an den Ohren festgezurrt. "Mensch prima", sagt er. "Du hast eine unglaubliche Geschäftsidee hingelegt. Erst nimmst du ab, machst eine Kolumne. Dann hörst du mit dem Rauchen auf, machst wieder eine Kolumne. Dabei wirst du wieder dick - und schon hast du für das kommende Jahr wieder eine Serie. Find' ich absolut stark!" Sein Daumen geht hoch, ebenso seine Laune, weil er weiß, dass er mir den Tag verdorben hat.

Das Schlimme daran ist: Er hat Recht. Seit Januar bin ich aufgegangen wie ein Hefekloß. Wenn ich nicht aufpasse, habe ich tatsächlich das Kolumnen-Perpetuum-Mobile erfunden.
Warum nimmt man eigentlich zu, wenn man mit dem Rauchen aufhört? Mit Nervosität und dem Salzstangen-statt-Zigarette-Effekt alleine lässt sich das nicht erklären. Es gibt tatsächlich eine wissenschaftliche Begründung. Ohne Nikotin kommt es zu einer Umstellung des Stoffwechsels. Etwa 300 Kilokalorien pro Tag verbraucht ein Raucher mehr, weil sein Organismus den Sauerstoffmangel in den Zellen ausgleichen und die Schadstoffe aus dem Körper entfernen muss.

Zudem entfällt die permanente Schädigung von Magen und Darm, die Nikotin und Teer anrichten. Ein Nichtraucher hat den gesünderen Appetit. Das stark verbesserte Geschmacksempfinden führt zu einer weiteren Appetitsteigerung.

Das bedeutet zusammengefasst: Ein Nichtraucher braucht weniger Energie - nimmt aber mehr Energie zu sich. Die unwissenschaftliche Konsequenz aus dieser wissenschaftlichen Beobachtung: Ein frischgebackener Nichtraucher nimmt etwa 500 Kilokalorien pro Tag zuviel zu sich. Erst wenn der Körper sich umgestellt hat, pendelt es sich ein - dann sind meistens jedoch schon zehn Kilogramm zuviel auf den Rippen.

Bei mir sind es derzeit sechs Kilo, die ich seit Anfang Januar zugenommen habe. Ich hatte eigentlich erwartet, durch das Nichtrauchen mehr Kondition zu haben und mich rundum fitter zu fühlen. Nun aber muss ich feststellen, dass ich aufgrund der Gewichtszunahme noch behäbiger bin als je zuvor. Nach jedem Training zwickt es irgendwo in den Beinen.

Gottseidank habe ich kürzlich einen Fitnesstrainer kennengelernt, der mir helfen will. Es gebe nämlich ein Ernährungs- und Fitnessprogramm, das extra für Nichtraucher konzipiert worden sei. Daran solle ich mich die kommenden Wochen halten. Dann sagt er: "Du musst das einfach positiv sehen. Dicksein ist auch eine Chance."

Manchmal sind auch Fitnesstrainer hundsgemeine Menschen.
Projekt Nichtraucher
Wie alt werden Nichtraucher?
Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass das Rauchen das Risiko tödlicher Krankheiten erheblich steigert. Darf man sich als frischgebackener Nichtraucher nun auf ein langes Leben freuen?

Theoretisch ist mein Neffe ein kluger Kopf. "Eigentlich wäre es doch super, wenn du wieder rauchen würdest", sagte er vor ein paar Tagen. "Dann stirbst du früher und ich erbe schneller was von dir!" Er machte dabei so ein Gesicht, das seiner Aussage alles Ironische entzog.

Deshalb habe ich ihm erst einmal die Gehaltsstruktur von Journalisten erklärt und angedeutet, dass für ihn außer einem Commodore C64 und einer ansehnlichen Paninibilder-Sammlung der Weltmeisterschaften von 1986 bis 2006 nicht viel zu holen sein wird. Außerdem, und das versicherte ich ihm mit einem ebenso ironiefreien Gesichtsausdruck, würde ich nun ein langes Leben führen.

Ich habe verschiedene Lebenszeitrechner im Internet getestet. Der eine sagt, dass ich noch 49,2 Jahre zu leben hätte und 78 Jahre alt werde. Durch den Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, werden 2,9 Jahre auf mein Zeitkonto gutgeschrieben. Natürlich gibt es da noch andere Faktoren. Ich bin verheiratet (sehr löblich), trinke nur gelegentlich Alkohol (akzeptabel) und treibe regelmäßig Sport (eine Lüge zwar, aber eine, die mir 0,7 Jahre einbringt).

Es gibt aber auch Abzüge: Die mit der Rauch-Abstinenz verbundene Gewichtszunahme (1,3 Jahre), meine Nichtraucher-Nervosität (0,5 Jahre), meine Weigerung, Vegetarier zu werden (0,2 Jahre) und mein Einkommen (0,3 Jahre) fallen am stärksten ins Gewicht. Unterm Strich also habe ich durch das Aufhören netto 0,9 Jahre gewonnen - die ich dann aber als dicker und genervter Mensch zu verbringen habe.

Doch so einfach darf man es sich nicht machen. Ein Raucher freilich versichert stets, dass das Risiko, wegen des Rauchens tödlich zu erkranken, bei ungefähr 0,1 Prozent liegt und dass der Nachbar vom besten Freund des Großvaters ja auch 94 Jahre alt wurde, obwohl er Kippen stangenweise konsumierte und auch dem Gerstensaft nicht abgeneigt gewesen sei. Diese Geschichte wird meist mit dem Hinweis versehen, dass geräuchertes Fleisch länger halten würde. Diesen Spruch muss man mit dem ironischsten aller Gesichtsausdrücke bringen. Ganz zynische Menschen setzen noch einen drauf und erklären, dass man ja auch am nächsten Tag einfach tot umfallen könne.

Kleine Zahlenspiele wie die mit dem Lebenszeitrechner machen durchaus Spaß und sorgen am Raucher-Stammtisch für einige Lacher. Wenn man sich jedoch mit Zahlen beschäftigt, dann sollte man auch folgende beachten: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass im Jahr 2030 etwa zehn Millionen Menschen pro Jahr vorzeitig an den Folgen ihres Tabakkonsums sterben werden. Selbst für Menschen, die aufgehört haben, gibt es keine vollständige Entwarnung. Eine Studie der Harvard-Universität zeigt, dass 30 Jahre nach dem Ende des Tabakkonsums die Wahrscheinlichkeit für einen Tod durch Lungenkrebs erst um 87 Prozent gesunken ist.

Zehn Millionen Menschen. Zehn Millionen. Da hilft auch die Geschichte vom Nachbarn vom besten Freund des Großvaters, der 94 Jahre alt wurde, nicht. Es ist wie beim Pokern: Klar gewinnt hin und wieder mal einer, obwohl er Mist baut. Beim Rauchen jedoch verliert man nicht nur Chips, sondern - die Statistik beweist es - ziemlich schnell sein Leben. Da hilft dann auch kein Pokerface oder ironischer Gesichtsausdruck. Sondern nur das Aufhören.

Projekt Nichtraucher
Küss mich, Aschenbecher!
Wie sieht es eigentlich mit der Liebe aus, wenn man mit dem Rauchen aufgehört hat? Wird man mehr geküsst?

Kim Basinger, die Traumfrau der Neunziger, beschrieb die Zusammenarbeit mit ihrem Partner Mickey Rourke für den Film "9 1/2 Wochen" einmal so: "Ihn zu küssen, ist ungefähr so, als würde man einen vollen Aschenbecher auslecken." Ein hartes Urteil für einen Mann, der sich selbst zu den erotischsten der Welt zählte und damals angab, dass er sich nicht vorstellen könne, dass ihn eine Frau ablehnen könnte - obwohl er Kettenraucher war.

Es gab da wohl ein gravierendes Missverständnis zwischen Basinger und Rourke, das durch eine kürzlich veröffentlichte Studie der University of Stanford bestätigt wurde. Sie besagt, dass 90 Prozent aller Raucher sich selbst überaus sexy finden.

Doch nur sechs Prozent der Nichtraucher sagten, Raucher seien interessant für sie. Ein Teilnehmer schilderte gar ein für ihn schreckliches Erlebnis: "Ich habe meine Traumfrau getroffen. Die war sexy, gebildet, und man konnte sich toll mit ihr unterhalten. Dann hat sie sich eine Zigarette angezündet. Schon war ich weg."
Ist es denn wirklich so schlimm? Werden Raucher zu unerotischen Menschen degradiert? Das war doch mal anders. Ich kann mich noch an meine Schulzeit erinnern, als es gerade die dauerrauchenden Draufgänger waren, die Dates mit den hübschesten nichtrauchenden Frauen sammelten wie ich Panini-Bilder. Daran soll sich etwas geändert haben?

Nun kann ich natürlich nicht davon berichten, ob ich in den fünf Monaten des Nichtrauchens - oder vielmehr: Weniger-Rauchens, wie ich seit den Rückfällen der vergangenen Wochen sagen muss - mehr Frauen begeistern konnte. Schließlich bin ich verheiratet und darf damit schon per definitionem nur für eine Frau gut schmecken.

Aber auch da hilft die Wissenschaft weiter. Die gleiche Studie befragte nämlich auch Singles, die kürzlich mit dem Rauchen aufgehört haben, wie es mit Rendezvous seitdem aussieht. Also, ob sie ohne den Spruch "Hast du mal Feuer" und auch ohne das neumodische "Smirten" (beim Rauchen vor der Kneipe Flirten) Erfolg beim anderen Geschlecht hätten.

Und siehe da: Frauen haben laut Studie 1,3 Dates mehr pro Monat, seit sie dem Rauchen abgeschworen haben, Männer gar 1,8. Als häufigsten Grund dafür gaben sie an, dass sie besser riechen würden und dass sie beim Ansprechen keine Furcht mehr hätten, aus dem Mund zu stinken. Auch würden sie beim Küssen forscher vorgehen, weil sie kein Urteil im Basinger'schen Sinne fürchten müssten.

Diese Studie deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich habe zwar die gleiche Anzahl an Dates, jedoch kommt es mir so vor, als ob mich meine Frau lieber küsst als vorher. Kein Wunder: Sie muss keinen Aschenbecher mehr auslecken, sondern ein Päckchen Hubba Bubba mit Cola-Geschmack.
Psychologie
Die Illusion vom großen Wandel
Millionen Menschen in aller Welt träumen vom Neuanfang - irgendwann, irgendwie, irgendwo. Doch jenseits der 30 fällt es zunehmend schwer, sich noch zu verändern.
Allabendlich das gleiche Ritual: Journalist Paul und Texter Stefan, beide 27, sitzen beim Feierabend-Bier und leiern ihre Phrasen herunter: So kann es nicht weitergehen, irgendwas muss sich ändern! Vielleicht sollten wir noch mal studieren? Oder uns neu verlieben? Und nicht zum erstenmal stellt Paul die Frage: Wie wäre es, wenn wir gemeinsam aussteigen und um die Welt segeln?
So wie die beiden von Veränderung schwadronieren, tun das Millionen Menschen in aller Welt. Sie glauben, sich selbst und ihr Leben ändern zu können und träumen vom Neuanfang. Irgendwann, irgendwie, irgendwo. Es ist kein Wunder, dass Fernsehsendungen wie "Goodbye Deutschland" oder "Mein neues Leben XXL" beliebt sind, schließlich spielt einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2007 zufolge jeder Fünfte in Deutschland mit dem Gedanken, einen Neustart hinzulegen. Vor allem junge Menschen unter 30 Jahren könnten sich gut vorstellen, nach Australien, Kanada oder Amerika umzusiedeln.
Keine Lust auf Neues
Studien der Persönlichkeitsforscher Paul Costa und Robert McCrae belegen: Bis Anfang zwanzig wächst die Bereitschaft von Menschen, sich neuen Erfahrungen zu öffnen. Danach nimmt die Faszination des Neuen jedoch kontinuierlich ab. Mit zunehmendem Alter werden Menschen immer resistenter gegen Veränderungen. Unabhängig davon, ob ein Mensch in China oder im kapitalistischen Amerika lebt, ob in Deutschland, Kroatien oder Südkorea: Die Lust auf Neues verliert sich mit den Lebensjahren. Wer also neu anfangen möchte, sollte das lieber heute als morgen tun. Morgen wird er es womöglich nicht mehr so stark wollen wie heute
Die Tatsache, dass sich überall auf der Welt und in allen Kulturen derselbe altersbedingte Persönlichkeitswandel nachweisen lässt, spricht nach Auffassung von Biopsychologen für eine genetische Basis. Denkbar ist aber auch, dass sich Menschen, egal wo, mit den gleichen biografischen Anforderungen konfrontiert sehen, wie der Persönlichkeitspsychologe Rainer Riemann von der Universität Bielefeld vermutet. So muss ein junger Mensch hinaus in die Welt ziehen und einen Partner finden. Da ist es hilfreich, sich Neuem nicht zu verschließen. Erwachsene hingegen müssen für ihre Kinder und Enkelkinder sorgen. Da ist es sinnvoller, verlässlich, pünktlich und verantwortungsbewusst zu sein.
Nicht offen für Neues
Hat sich erst einmal alles eingespielt, sind Lebenspartner und Beruf gefunden, verschließen sich Menschen zunehmend dem Neuen. Die Psychologin Susan Branje von der Universität Utrecht weist darauf hin, dass bereits vom 30. Lebensjahr an die Offenheit für Neues ebenso sinkt wie der Wunsch nach Geselligkeit (European Journal of Personality, Bd. 21, S. 45, 2007). Das steht in einem merkwürdigen Kontrast zu dem gerade von Vertretern der Ü-30-Generation oft beschworenen Wunsch nach grundlegenden Veränderungen. Offenbar kollidiert der theoretische Wunsch nach Neuem mit einer realen Furcht vor Veränderung. Auch wer seinen Partner in der zweiten Lebenshälfte noch wechselt, landet danach oft bei einem ähnlichen Menschen.
"Mit zunehmendem Alter werden Menschen verlässlicher und verträglicher, sagt der Persönlichkeitspsychologe Peter Borkenau von der Universität Halle. Zugleich sinkt ihre Offenheit für Neues", so Borkenau. Das 30. Lebensjahr ist jedoch keine magische Wendemarke. Anders als die Pioniere der Persönlichkeitsforschung Paul Costa und Robert McCrae immer wieder behaupten, geht es um eine langfristige Entwicklung, die bereits um das 20. Lebensjahr herum einsetzt. Das belegt eine sehr umfangreiche internetbasierte Persönlichkeitsstudie, an der vor fünf Jahren mehr als 130 000 Menschen teilgenommen haben. In den Persönlichkeitsmerkmalen Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, emotionale Stabilität, Offenheit für neue Erfahrungen und Extraversion lassen sich altersbedingte Veränderungen beobachten. Demnach vollzieht sich ein klarer Wandel im Laufe des Lebens, aber eben schleichend.
Die Daten zeigen, dass es Geschlechterunterschiede gibt. "Frauen werden mit den Jahren emotional stabiler, ihre Neurotizismus-Werte sinken. Das gilt für Männer nicht", sagt Borkenau. Umgekehrt sind es vor allem Frauen, die mit den Jahren introvertierter werden, eine Entwicklung, die bei Männern nicht feststellbar ist. Die Offenheit für neue Erfahrungen nimmt hingegen bei beiden Geschlechtern ab - und zwar kontinuierlich vom 20. bis zum 60. Lebensjahr.
Die Illusion vom großen Wandel
Unterschiede im Sandkasten
Allerdings unterscheidet sich das absolute Niveau: Wer als Kind weniger offen für neue Erfahrungen war als Gleichaltrige, der hängt auch im Erwachsenenalter stärker an Gewohntem. Der Offenere ist auch Jahre später noch der im Vergleich Offenere, zeigte der Psychologe Richard Robins von der University of California in Längsschnittstudien. Erstaunlicherweise sind bereits Kinder im Sandkasten unterschiedlich empfänglich für Neues. Manche wollen immer auf den einen Spielplatz, andere langweilt es, zwei Tage hintereinander mit derselben Schaufel spielen zu müssen.
Die Psychologin Kate McLean von der University of Toronto hat vor kurzem 134 Menschen unterschiedlichen Alters darum gebeten, ihre Lebensgeschichten zu schildern (Developmental Psychology, Bd 44, S. 254. 2008). Sie konnte zeigen, dass Menschen jedes Alters die eigene Biografie vor allem als Abfolge von Wandlungen rekonstruieren. Erinnerungswürdig bleibt fast immer das Unerwartete und Neue - ein Todesfall, ein unverhoffter Karrieresprung oder ein Wohnortwechsel. Interessant dabei ist, dass ältere Menschen solchen äußeren Ereignissen eine andere Bedeutung zuschreiben als jüngere. Ihre Erzählbotschaft: Der äußere Wandel hat nicht zu einem inneren Wandel geführt. Die Botschaft der Jüngeren lautet hingegen: Durch äußere biografische Zäsuren habe ich mich psychisch verändert. Junge Menschen charakterisieren ihr eigenes Ich als offene, wandlungsfähige Instanz. Ältere beschreiben ihr Selbst als etwas Unbewegliches, das sich trotz aller Irrungen des Lebens kaum verändert hat.
Tatsächlich wird die Psyche eines Menschen mit zunehmendem Alter stabiler. Für das mittlere Erwachsenenalter gilt: Die Persönlichkeit gleicht einem stehenden Gewässer. Zu diesem Ergebnis gelangte der Psychologe Brent Roberts von der University of Illinois, nachdem er 152 Persönlichkeitsstudien ausgewertet hatte. Solange sich im Leben eines Menschen nichts Außergewöhnliches ereignet, so Roberts, hat er sich spätestens mit 40 eine Lebensweise zurechtgelegt, die seinem Charakter entspricht. Das Neue ist dann nicht mehr sonderlich erwünscht. Es ähnelt eher einem unerwünschten Gast. Und das bleibt so.
Deutliche Lustgefühle
"Wer als Vierzigjähriger besonders gewissenhaft ist, ist das auch als Sechzigjähriger", sagt Borkenau. Gleiches gilt für die Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen. "Auch dieses Merkmal wird immer stabiler", so Borkenau. "Allerdings nimmt die Stabilität ab dem 60. Lebensjahr wieder ab. Es scheint, als würden Menschen sich wieder ändern können, wenn sie ihre biografischen Pflichten erfüllt - also das Arbeitsleben absolviert und die Kinder großgezogen haben.
Dennoch bleibt auch dann die Macht des Gewohnten stark. "Das Gehirn trachtet immer danach, Dinge zu automatisieren, Gewohnheiten auszubilden, und es besetzt dies mit deutlichen Lustgefühlen. Am Bewährten festzuhalten vermittelt das Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit und Kompetenz und reduziert die Furcht vor der Zukunft und dem Versagen", schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen in seinem 2007 erschienen Buch "Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern".
Wie schwer es ist, sich zu ändern, haben die Psychologen Janet Polivy und Peter Herman von der University of Toronto in zahlreichen Studien erkundet. Gerade demjenigen, der große Veränderungen anstrebt, so deren Erkennnis, misslingen häufig die kleinsten Korrekturen. Ebenso schwer wie ein kompletter Umbruch fallen moderate Änderungen, also fünf Kilo abzunehmen oder zehn Zigaretten weniger am Tag zu rauchen.
Selbstgebastelte Wunschkaskaden
Je stärker Menschen davon überzeugt sind, das Ruder problemlos herumreißen zu können, desto weniger gut gelingt es ihnen. Metaphorisch formuliert: Wer sicher ist, irgendwann ein neues Ufer zu erreichen, der landet mit großer Wahrscheinlichkeit am alten. So ist es denn auch wenig verwunderlich, dass viele Raucher, die von sich sagen, sofort aufhören zu können, auch zwanzig Jahre später noch rauchen. Polivy und Herman sprechen vom "False-hope-syndrom" (Falsche-Hoffnung-Syndrom).
Das Hauptproblem sind überzogene Erwartungen. Viele Menschen glauben beispielsweise: Wenn es mir nur gelingt, schlank zu werden, dann werde ich endlich einen Traumpartner finden, eine glückliche Familie gründen und das lang ersehnte Häuschen am Atlantik bauen. Solche selbstgebastelten Wunschkaskaden sind utopisch. Sie erzeugen den Eindruck als würde eine positive Veränderung - etwa Abnehmen - automatisch viele andere erwünschte Veränderungen nach sich ziehen.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Es ist schwer, dauerhaft abzunehmen. Einen Partner fürs Leben zu finden, hat mit Glück zu tun. Und es sind viel Arbeit und Geld nötig, um sich das Eigenheim zu bauen. Das Wichtigste aber ist: Erfolg in einem der Punkte hat keinen Einfluss darauf, ob weitere Sehnsüchte erfüllt werden. Der Sozialpsychologe Roy Baumeister von der Florida State University hat festgestellt: Das False-hope-syndrom verführt Menschen dazu, alle möglichen Dinge auf einmal ändern zu wollen. So will der Raucher und Sportmuffel plötzlich beides, nämlich Nicht-Raucher und Marathon-Läufer sein. Und weil er sich zu viel vornimmt, klappt nichts.


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